Syrien-Krieg
Abzug von Rebellen und Zivilisten aus Ost-Aleppo verzögert sich

Die syrischen Regierungstruppen haben Aleppo zurückerobert – die Rebellen haben eingewilligt, die heftig umkämpfte Stadt zu verlassen. Doch Frieden sieht anders aus.
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Beirut/New YorkDer geplante Abzug von Kämpfern und Zivilisten aus den Rebellengebieten der umkämpften syrischen Stadt Aleppo verzögert sich. Hintergrund seien Differenzen zwischen dem Regime und seinem Verbündeten Russland über die Einigung mit den Rebellen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Mittwochmorgen. Demnach ist Syriens Führung unzufrieden, weil Russland die Einigung ohne Abstimmung mit ihr verkündet hat. Bislang habe noch niemand die Stadt verlassen.

Regime und Rebellen hatten sich am Dienstag nach wochenlangen schweren Kämpfen auf den Abzug geeinigt. Aus syrischen Regierungskreisen hieß es, er solle am frühen Mittwochmorgen beginnen. Journalisten berichteten aus Aleppo, erste Busse für den Transport stünden bereit. Die Kämpfer und Zivilisten sollen die Stadt in Richtung der von Rebellen kontrollierten Provinz Idlib verlassen.

Am Dienstag hatte Russland erklärt, dass alle Militärhandlungen im zuletzt von Rebellen gehaltenen Osten Aleppos vorbei seien. Bei einer Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats sagte der russische Botschafter Witali Tschurkin, die syrische Regierung habe die Kontrolle über die Gebiete wiedererlangt. Den „Terroristen“ – so bezeichnet Assad alle Aufständischen in Syrien, egal welcher Gruppe angehörig – sei freies Geleit zugesichert worden. Auch die Aufständischen in Aleppo hatten zuvor mitgeteilt, dass eine Waffenruhe vereinbart worden sei.

Der syrische UN-Botschafter wies Vorwürfe zurück, nach denen das Militär Racheakte an Zivilisten und Massentötungen verübt haben soll. Die Soldaten hätten die Bürger im Osten der Stadt von „Terroristen“ befreit, sagte Baschar Dschaafari am Dienstag. Derzeit würde die Identität aller Menschen überprüft, die Aleppo verlassen – Terroristen und ausländische Kämpfer müssten ausgemerzt werden.

Schon bevor die Rückeroberung verkündet wurde, hatte die internationale Gemeinschaft vor Racheakten und Massentötungen gewarnt. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sagte, er habe glaubwürdige Berichte über Zivilisten bekommen, die durch Bombenangriffe und willkürlichen Mord durch die Assad-Regierung ums Leben gekommen seien. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte zitierte aus Berichten, wonach die Regierungstruppen von Haus zu Haus gegangen sein und dabei Dutzende Zivilisten töteten.

Die amerikanische UN-Botschafterin Samantha Power sprach die Regierung Assad, Russland und den Iran bei einer Rede im UN-Sicherheitsrat direkt an: „Sie tragen die Verantwortung für diese Gräueltaten.“ Der Nachrichtenagentur AP berichteten mehrere Bewohner und Aktivisten der Opposition, syrische Regierungstruppen hätten Rebellen am Montag massenweise umgebracht – ohne jedoch selbst Zeugen gewesen zu sein. Das syrische Militär wies alle Vorwürfe zurück. Die Anschuldigungen seien ein verzweifelter Versuch, international Mitleid zu erregen.

Das Kinderhilfswerk Unicef berichtete vor Bekanntgabe der Waffenruhe, dass möglicherweise auch mehr als 100 Kinder in einem Haus im Rebellengebiet eingeschlossen seien, das beschossen werde. Die Weltgemeinschaft müsse für diese Kinder einstehen und diesem Alptraum ein Ende setzen, sagte der Regionaldirektor der Organisation, Geert Cappelaer.

Auch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz rief zu einem Schutz der Zivilisten auf. Sie hätten keinen Ort, an den sie fliehen könnten, hieß es in einer Erklärung. Das IKRK und die UN-Organisationen riefen die syrische Regierung auf, die Regeln der Kriegsführung und der Menschlichkeit zu wahren.

UN-Botschafter Dschaafari erklärte, es sei das „konstitutionelle Recht“ Syriens, Jagd auf Terroristen zu machen. „Aleppo ist zur Nation zurückgekehrt“, sagte er. In den regierungstreuen Teilen im Westen der Stadt wurde dies auch gefeiert: Menschen fuhren in Autokolonnen durch die Straßen, hupten und schwenkten syrische Fahnen.

Für die Regierung Baschar al-Assads ist die Rückeroberung ein großer Erfolg im Kampf gegen die Rebellen. Doch gehen Experten nicht davon aus, dass der Krieg bald endet. Die UN befürchten, dass die Kämpfe künftig in der von Rebellen gehaltene Provinz Idlib fortgesetzt werden könnten.

Russland bezeichnete die Darstellung der Kämpfe durch den Westen als scheinheilig. Die Extremisten in Aleppo hätten die mehr als 100.000 Einwohner von Ost-Aleppo als menschliche Schutzschilde missbraucht, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien erklärte, seit Mitte November hätten Regierungstruppen 6.000 Jugendliche und erwachsene Männer festgenommen, die vor dem Sturm auf Ost-Aleppo hätten fliehen wollen. Ihnen werde vorgeworfen, sich dem Militärdienst entzogen zu haben, sie würden nun zum Dienst gezwungen. Die Beobachtungsstelle berief sich am Dienstag auf Kontakte im Sicherheitsapparat. Die syrische Armee leidet unter akutem Personalmangel.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur
Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Es gibt nur ein Krieg in Berichterstattung in Medien. Nur in Syrien, kein im Irak!
    Weil im Irak die NATO die Stadt Mosul bombardiert, gibt überhaupt keine Tote!
    Vor Paar Tagen wurde die irakische Armee ein Opfer der Bomben, 90 Tote Soldaten, 180 Verletzte.
    Ich zweifele an Unabhängigkeit der Medien!
    Ein Knopfdruck und es wird nicht mehr berichtet.
    Zum Glück gibt es richtig gute Medien im Netz, die uns informieren!

  • Kann gut sein, daß sich Amerikaner und Russen bald sehr einig werden...dann ist Frau Merkel aber so im Abseits wie ihr Vorvorgänger anno 1944.

  • Rebellen und Zivilisten...?

    Kann man die unterscheiden? Haben diese Leute ihre Waffen offen getragen, waren sie als Kämpfer uniformiert? Haben sie selbst Gefangene gemacht? Wenn ja, wo sind die?

    Übrigens wollte man vor einigen Jahren den Leuten hier weismachen, daß es in Afghanistan richtige (böse) Taliban gäbe und auch "gemäßigte Taliban", die eine Belohnung verdient hätten. Das war auch nix... In Wahrheit sind es paschtunische Bauernsöhne, die um ihr Land kämpfen.

    Die Aufhetzer, Kriegsverlängerer, Kriegsgewinnler der Asylindustrie sollen endlich mal schweigen und tätige Reue üben.

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