Syrien-Krieg – ein Kommentar
Beelzebub Assad soll den Teufel IS austreiben

Die westliche Allianz will Assad gegen den IS einspannen. Damit spielt Syriens Diktator plötzlich im eigenen statt im gegnerischen Team. Nach den Pariser Anschlägen verschlingt ein Sog der Solidarität jede Rationalität.
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Es ist nicht ganz so lange her, dass US-Präsident Obama dem syrischen Diktator Baschar al-Assad eine rote Linie gezogen hat: „So weit und keinen Zentimeter weiter“, rief er tapfer dem Kriegsverbrecher entgegen, der Fassbomben und chemische Waffen gegen die eigene Bevölkerung einsetzte.

Nun ist die „große Allianz des Westens“ dabei, diese rote Linie zu übertreten: Sie plant, Assads Truppen, die die Syrer, also ihre Landsleute, zu Hauf ausrotten – 300.000 Tote und Abermillionen Flüchtlinge –, im großen Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) mit ins Kriegsboot zu nehmen.

Radikaler als Frankreich, Deutschland, Russland und die USA, die eigene chaotische Strategie in Nahost mit diesem Schritt derart in Zweifel zu ziehen, könnten es nicht einmal Assad oder Putin selbst tun. Die Strategie des Westens heißt: den Teufel (IS) mit dem Beelzebub (Assad) austreiben.

Ob der „Dead Man Walking“ Assad dies als „Nur weiter so!“ begreift, sei dahingestellt. Ins Fäustchen lachen wird er sich gewiss. Es ist dieses diplomatische Manöver, dieses militärische Kalkül – eine offene Bankrotterklärung jeglicher politischer Ethik. Es ist der Höhepunkt einer völlig gescheiterten Politik des Westens gegenüber der „islamischen Gefahr“.

Die große Allianz gegen den IS, in die nun Deutschland einscheren will (morgen entscheidet der Bundestag über den militärischen Einsatz) ist von großer Unübersichtlichkeit gekennzeichnet. Die Lösung des Problems soll erst durch die Verursacher möglich werden.

Der große Alliierte Frankreichs und Deutschlands, Kremlchef Wladimir Putin, bekämpft derzeit nicht Assad, sondern jene in Syrien, die ihn verjagen wollen. Zum Beispiel die Rebellen, zum Beispiel die Kurden. François Hollande begreift unter dem Eindruck der Attentate von Paris nun ebenfalls Assad als das weit geringere Übel im Vergleich zum IS.

Die Strategie Putins vereint sich mit derjenigen Teherans (der Feind des vom Westen mit Kriegswaffen aufgepäppelten Saudi-Arabien), nach der ebenfalls Assad gestützt und dessen Gegner bekämpft werden. Und nicht zu vergessen die heikle Motivation dieser beiden Parteien: Der IS ist ihnen schon deshalb ein gar nicht so grauslicher Feind, da er doch vor allem den Westen mit Bomben bedroht.

Die beiden großen Alliierten, die Türkei und Russland, befehden sich gegenseitig, schießen sich die Jets vom Himmel und boykottieren sich durch Handelsbarrikaden. Die USA, die unter ihrem damaligen Präsidenten George W. Bush und seinem Irak-Krieg wesentlich zu der unheilvollen Lage in Nahost beigetragen und sie unter dem amtierenden Barack Obama nicht bekämpft haben, glänzen durch Attentismus – neudeutsch „Zuwarten“ genannt.

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  • MERKELS HOCHVERRAT
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    Wenn man mal 40 Minuten Zeit hat, dann gibt es da ein sachliches Video
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    zur Invasion: https://www.youtube.com/watch?v=4Cqx0b8Ij2A

  • Ich habe, kurz gesagt, neben der Aufladung von innersyrischen Konflikten durch ausländische Mächte auch dämonisierende Beelzebub-Berichte für mitverantwortlich für die Eskalation und die 300.000 Toten gemacht, die der Autor unzulässig vereinfachend allein Assad in die Schuhe schieben will. Außerdem stellte ich einen Link bereit, der die Entwicklung des Konfliktes nochmal minutiös aufarbeitet („Vom freundlichen Augenarzt zum „Schlächter von Damaskus“ in nur zwei Monaten“). In diesem Zusammenhang wies ich darauf hin, dass ideologische Fassbomben manchmal verheerender sind als physische.

  • „Heute dürfte selbst einfachen Gemütern klar sein, daß die Arabische Welt immer noch in feudalen Strukturen verhaftet ist“

    Interessanterweise steht in Wikipedia unter „Offene Gesellschaft“ (das ist die Ideologie, die die „Eliten“ derzeit am Volk vorbei, koste es was es wolle, durchsetzen wollen) als ein Kritikpunkt:

    „Kritik am Begriff übte unter anderem Ralf Dahrendorf, demzufolge der Poppersche Liberalismus die Notwendigkeit und Bedeutung von sozialen Bindungen (Ligaturen) und Traditionen unterschätze.“

    Offenbar bestätigt das Experiment in „freier Wildbahn“ gerade diesen Kritikpunkt. Der Faktor Kultur lässt sich nicht einfach durch „Regime Change“ ändern. Es ist so wie in der DDR: Da glaubte man auch, man müsste nur die Machtverhältnisse ändern, um in Folge die Eigentumsverhältnisse ändern zu können und dann würde der „Neue Mensch“ quasi von selbst entstehen. Ähnlich naiv agieren die heutigen „Ich liebe euch doch alle“-Menschheitsbeglücker“ .

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