Syrien und Jemen
"Katastrophe jenseits der Vorstellungskraft"

Trotz all der Toten und Verwundeten gibt es neue Massenproteste in Syrien und im Jemen. Im Jemen soll nun sogar die Ölförderung bedroht sein - was den zuständigen Minister zu drastischen Worten greifen lässt.
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Sanaa/AmmanUnbeirrt von der Gewalt der vergangenen Wochen haben sich wieder Tausende Menschen im Jemen und in Syrien nach den Freitagsgebeten zu Massenprotesten versammelt. Allein im jemenitischen Sanaa erstreckten sich die Menschenmassen sieben Kilometer weit eine Hauptstraße herunter. „Sagt es laut: Sieg oder Tod“, riefen Anhänger des mächtigen Cholan-Stamms. Gepanzerte Fahrzeuge, Soldaten und Militär-Kadetten säumten die Straßen. Augenzeugen und Aktivisten zufolge gingen auch in Syrien Tausende auf die Straße. Berichte über Gewalt oder Todesfälle lagen zunächst nicht vor. Offenbar hatte die Regierung den Sicherheitskräften befohlen, nicht das Feuer auf Demonstranten zu eröffnen. Im Jemen sprach Präsident Ali Abdullah Saleh vor Anhängern von Saboteuren und lehnte Kompromisse ab. „Wir werden eine Herausforderung mit einer Herausforderung erwidern“, rief er. Saleh hat einen Vermittlungsvorschlag des Golf-Kooperationsrates (GCC) nicht angenommen. „Ich glaube, wir sind jetzt wieder am Anfang“, sagte Shadi Hamid vom Brookings Doha Center zu der Suche nach einer politischen Lösung. In Ibb südlich von Sanaa kamen Augenzeugen und Ärzten zufolge zwei Menschen um, als die Soldaten das Feuer auf Demonstranten eröffneten. Insgesamt sind bei den Massenprotesten im Jemen seit Ende Januar mehr als 160 Menschen ums Leben gekommen.

Die Demonstrationen haben die Öl-Produktion des Jemens stagnieren lassen und damit die ohnehin angeschlagene Wirtschaft des verarmten Landes schwer in Mitleidenschaft gezogen. „Wenn das Problem weiter besteht, wird die Regierung die Mindestbedürfnisse der Bevölkerung nicht decken können“, sagte Öl-Minister Amir al-Aidarus dem Parlament einer Meldung der staatlichen Nachrichtenagentur Saba zufolge. Mehrere Öl-Firmen hätten bereits das Land verlassen und die Raffinerien in Aden arbeiteten seit einer Woche nicht mehr. Al-Aidarus warnte vor „einer Katastrophe jenseits der Vorstellungskraft“.

Die Lage in Syrien blieb auch am Freitag undurchsichtig, da unabhängige Journalisten des Landes verwiesen wurden. In Hama gingen Zeugen zufolge Tausende Menschen auf die Straße, um gegen die autokratische Regierung von Präsident Baschar al-Assad zu protestieren. Sie seien aus allen Richtungen ins Zentrum geströmt, hieß es aus der Stadt, in der das Militär 1982 einen von Islamisten angeführten Aufstand gewaltsam niedergeschlagen hatte. Ein kurdischer Oppositionsvertreter berichtete von Kundgebungen auch in den östlichen Regionen des Landes. Zu kleineren Demonstrationen kam es Zeugen zufolge auch in einigen Teilen der Hauptstadt Damaskus.

Nach Angaben der UN sind bei den seit zwei Monaten anhaltenden Protesten möglicherweise bis zu 850 Menschen ums Leben gekommen. Al-Assad hat in einigen Städten Panzer eingesetzt. Ein Menschenrechtsaktivist sagte unter Berufung auf eine Mitarbeiterin des Präsidenten allerdings, dieser habe Schüsse auf die Demonstranten untersagt. Die Angaben ließen sich zunächst nicht überprüfen.

(Reporter: Khaled Yacoub Oweis, Mohamed Sudam und Mohammed Ghobari; geschrieben von Scot W.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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