Syriens Präsident
Assads anderes Gesicht

Syriens Präsident Baschar al-Assad war lange Zeit ein Mann des Volkes. Jetzt bekämpft er die eigene Bevölkerung mit brutaler Gewalt. Kann er sich an der Macht halten?
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IstanbulAls der damalige syrische Präsident Hafis al-Assad 1982 in der Stadt Hama über zehntausend Menschen niederschießen ließ, war sein Sohn Baschar sechzehn Jahre alt und fern von aller Politik. Auf eine Rebellion gab es damals in Syrien nur eine Antwort: niederwalzen. Ohne Internet, ohne Satellitensender, bei geschlossenen Grenzen. Von Hama blieb nur eine Ahnung des Grauens.

Heute ist Baschar al-Assad selbst syrischer Präsident, im Jahr 2000 war er als Nachfolger seines Vaters an die Macht gekommen. Beim politischen Überlebenskampf des jüngeren Assad schaut in diesen Tagen die ganze Welt zu. Handykameras filmen Panzer in Deraa, Todesschüsse in Dschableh, Soldaten mit durchgeladenen Gewehren in den Vororten von Damaskus. Allein am vergangenen Wochenende starben weit über hundert Menschen, Hunderte von Demokratie-Aktivisten sollen verhaftet worden sein, Hunderte werden vermisst. Die Demonstrationen gegen die Diktatur gehen weiter. Der Staatschef steht vor der Entscheidung: nachgeben oder alles plattmachen? Die dritte Möglichkeit, einen mutigen, zügigen Reformprozess einzuleiten, scheint er sich verbaut zu haben. Wird Baschar al-Assad diese Krise überleben?

Er hat in den vergangenen Wochen viele Fehler gemacht. Zu viele. Er wollte irgendwie Veränderung zulassen und dennoch unterdrücken. Er kündigte ein Ende des Ausnahmezustands an und ließ die Polizei knüppeln. Versprach Reformen (»zum richtigen und angemessenen Zeitpunkt«) und schickte doch die Soldaten los. Ließ sich im Puppenparlament von Damaskus als weiser Herrscher feiern. Das war arrogant. Mehr Demonstranten gingen auf die Straßen. Nach wochenlangen Protesten rang sich Assad am vergangenen Freitag endlich zu politischen Zugeständnissen durch. Er hob den Ausnahmezustand auf und schaffte den berüchtigten Sondergerichtshof ab. Aber danach folgte ein rücksichtsloser Einsatz der Armee – Blut auf den Straßen von Deraa und Damaskus, eine beispiellose Repression der Proteste. Was soll man diesem Mann noch glauben? Wie ernst muss man ihn nehmen?

Baschar al-Assad hatte seit Januar eigentlich genügend Zeit, sich alle Fehler im Detail anzusehen, die die Präsidenten Ben Ali in Tunesien und Mubarak in Ägypten gemacht haben. Er konnte auch beobachten, wie die Herrscher von Saudi-Arabien konsequent jeden Protest schon im Keim erstickten. Die Lehre aus Riad: Wenn man hart bleiben will, dann sollte man gleich den ersten Demonstranten von der Straße holen, ein generelles Protestverbot verhängen und der Bevölkerung einen warmen Geldregen bescheren. Die Lehre aus Ägypten und Tunesien: Wer nachgeben will, sollte rasch ernsthafte Zugeständnisse machen, sonst läuft er den Protestforderungen nur hinterher.

Assads Defensivtaktik ähnelt in puncto Zugeständnissen der Zögerlichkeit von Ben Ali und Mubarak: zu wenig, zu kleinlich, zu spät. Das scheint in den arabischen Herrschergenen zu liegen. Aber vielleicht auch an Baschar al-Assad selbst. Bisher gelang ihm nämlich fast alles. War er doch lange – anders als Mubarak – durchaus beliebt beim Volk wegen seiner harten Haltung gegen Israel und seiner Distanz zu Amerika. Warum sollte er ausgerechnet diesmal Pech haben?

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  • Was oder wäre käme nach Assad? Tunesien, Äpgyten dümpelen mit ihren "Übergangsregierungen" so vor sich hin und es gibt immer wieder neu aubegehrende Demonstrationen und lauter werdende Rufe nach Bewegung und Vorranschreiten der Demokratiebewegung in der arabischen Welt, die Politik ist hier gefragt, vor allen Dingen auf Tunesien und Ägypten sollte man einwirken und sie in die Pflicht nehmen, sonst drohnen wiederum weitere Eskalationen und Tote, es ist nicht genug, erstmal das "Inschallah" abzuwarten, sondern hier ein bischen "seht zu das ihr in dne Gänge kommt" und die Menschen wieder zu ein klein bischen Anssehen und Wohlstand kommen, inkl. Essen, Arbeit und das die Familien hier wieder ihre "jahrhundertealten Traditionen" bewahren können und fortführen. Auch der Tourismus ist nicht das Maß aller Dinge, und ein Staat braucht mehr als nur eine Einnahmequelle und kann nicht sich so schön die Länder sein, auf dieses verlassen, sobald Unruhen und Terror regieren.

  • Guten Tag,.... Dann waren Adolf und Josef auch Maenner des Volkes. Gassen Sie sich mal an den Kopf- Besten Dank

  • Natürlich ,es gibt dort für die Amerikaner und Engländer nichts zu holen.

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