Tag 2 in Davos
„Ruhanis Täuschungs-Darbietung geht weiter“

Irans Präsident Ruhani wirbt um die Freundschaft Amerikas, doch in in seiner Rede umschifft er auch wichtige Fragen – wie die nach der Kontrolle des Atomprogramms. Israels Ministerpräsident Netanjahu verurteilt die Rede.
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Tag 2 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Rund 2500 Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft sprechen über die Neugestaltung der Welt. Das Handelsblatt ist mit vier Reportern vertreten: Sven Afhüppe, Michael Maisch, Wolfgang Reuter und Torsten Riecke. Wir versorgen Sie in unserem Liveblog mit exklusiven Nachrichten, Berichten, Interview-Auszüge und auch der einen oder anderen Anekdote vom Rande des Forums. Der Tag zwei zum Nachlesen.

+++Ruhani schreibt bei Twitter nicht selbst+++

Der iranische Präsident Hassan Ruhani erhält bei der Pflege seiner Auftritte in sozialen Netzwerken im Internet Hilfe von „Freunden“. Er schreibe seine Nachrichten bei Twitter und Facebook nicht selbst, sagte er am Donnerstag in einem Gespräch mit Journalisten am Rande des Weltwirtschaftsforums im schweizerischen Davos. Stattdessen würden sie von „Freunden“ verfasst, räumte er ein. Ruhani gilt als aktiver Twitter-Nutzer. Ihm folgen rund 170000 andere Nutzer, er selbst folgt aber nur vier Menschen, darunter der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif.

+++„ Brics in der Midlifekrise?+++

Die Risiken für die großen Emerging Markets sind eines der wichtigen Themen auf dem diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos. „Die Brics in der Midlifekrise?“, lautet der Titel einer der Diskussionsveranstaltungen und Südafrikas Finanzmnister Pravin Ghordan räumte am Donnerstag unumwunden ein: „Wir müssen zugeben, dass sich die Wachstumsmuster nicht endlos fortsetzen, wir werden nicht mehr die gleichen Zuwachsraten wie in der Vergangenheit sehen“.

+++Das richtige Schuhwerk+++

Nichts ist so entscheidend in Davos wie das richtige Schuhwerk. Warm sollten sie sein und am besten mit einer rutschfesten Sohle. Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda hätte die Empfehlung des Weltwirtschaftsgipfels besser auch befolgt. Dann wäre er gestern wahrscheinlich nicht auf einer kleinen Eisfläche vor dem Hotel Derby ausgerutscht und hingefallen. Passiert ist Kuroda nichts. Und so hatte der kleine Zwischenfall auch keinen Einfluss auf den Wechselkurs des japanischen Yen. (saf)

„Ruhanis Täuschungs-Darbietung geht weiter“

„Ruhanis Täuschungs-Darbietung geht weiter“, urteilte Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu über die Rede des Iraners. Es gehe dem „Regime der Ajatollahs“ nur darum, die Sanktionen zu lockern ohne ihr Atomwaffenprogramm aufzugeben. Die Staatengemeinschaft dürfe sich nicht übertölpeln lassen.

+++„Der Iran ist das Zentrum des Terrors“+++

Israel hat dem Iran vorgeworfen, ungeachtet schöner Worte weiterhin Terroristen mit Waffen zu beliefern. „Der Iran ist das Zentrum des Terrors in unserer Zeit“, sagte der israelische Präsident Shimon Peres beim Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos.

+++Machen sich die Deutschen die falschen Sorgen?+++

Trotz der ultralockeren Geldpolitik der Notenbanken fürchtet sich Stephen King, der Chefvolkswirt der britischen Großbank HSBC nicht vor Inflation sondern vor einer lähmenden Deflation in wichtigen Regionen der Weltwirtschaft. Und King ist nicht alleine: Erst vor kurzem warnte auch Christine Lagarde, die Chefin des Internationalen Währungsfonds vor der Gefahr fallender Preise. „Es gibt ein Risiko, dass die Inflation in den kommenden zwei Jahren zu niedrig bleibt, oder sogar sinkt“, warnte King in Davos. Die Erfahrungen Japans in den 90er Jahren zeigten, dass eine kurzfristige Erholung keine Garantie dafür ist, dass die Deflationsgefahr endgültig gebannt sei.

Der britische Finanzexperte Adair Turner macht für die niedrigen Teuerungsraten vor allem den noch immer „enormen Schuldenüberhang“ in der Weltwirtschaft verantwortlich. Deflationsrisiken macht er vor allem in Japan und Europa aus. Turner glaubt, dass zur Bekämpfung dieser Gefahr weitere radikale Schritte in der Geldpolitik nötig sein könnten. „Helikoptergeld, wäre eine Möglichkeit dem Deflationsrisiko zu begegnen“, erläuterte der ehemalige Chef der britischen Finanzaufsicht. Das würde heißen, dass die Notenbanken einen Teil der stimulierenden Maßnahmen der vergangenen Jahre nicht mehr zurücknehmen würden, sondern die zusätzliche Liquidität auf Dauer im Finanzsystem belassen, zum Beispiel indem sie Staatsanleihen, die sie aufgekauft haben, nicht wieder verkaufen. „Nach der Finanzkrise haben wir uns an konventionelle unkonventionelle Geldpolitik gewöhnt, vielleicht wird es Zeit über unkonventionelle unkonventionelle Geldpolitik nachzudenken“, mein Chefvolkswirt King. (mm)

+++Multikulti ist Trumpf in Davos+++

Die schottische Fondsgesellschaft Aberdeen hat sogar ihren eigenen Dudelsackspieler mit nach Graubünden gebracht. Jetzt steht er auf der Hauptstraße, vor dem Cafe, in dem Aberdeen während des Weltwirtschaftgipfels sein Hauptquartier aufgeschlagen hat und spielt im kurzen Kilt schottische Melodien. Der Mann aus den Highlands ist sicher abgehärtet, aber er wird trotzdem froh sein, dass in Davos die Sonne scheint, und die Temperaturen nur knapp unter dem Gefrierpunkt liegen. (mm)

+++Friedlicher Charakter des Atomprogramms+++

Ruhani betont in seiner Rede den friedlichen Charakter des Iranischen Atomprogramms, doch er geht nicht auf die geforderten Kontrollen ein. „Wir haben kein Interesse an Nuklearwaffen, diese Waffen gehören nicht zu unserer Sicherheitsstrategie“, stellte er kategorisch fest. Aber Iran müsse wie alle anderen Länder die Möglichkeit haben, unter der Aufsicht von internationalen Organisationen die friedliche Nutzung der Kernenergie voranzutreiben. „Wir haben den festen Willen, eine langfristige Vereinbarung mit den 5 plus 1 Ländern abzuschließen“, sagte Rouhani. Zu dieser Gruppe gehören die fünf Vetomächte im UN-Sicherheitsrat plus Deutschland. (tor) 

+++Keine Feindschaft dauert ewig+++

Irans Präsident Hassan Ruhani beginnt seine Rede mit versöhnenden Worten: „Kein Land lebt abgeschottet, kein Land kann seine Probleme allein lösen. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass wir alle in einem Boot sind. Finanzpolitik nimmt Einfluss auf das Leben der Menschen – auch auf ihr Sozialleben. Das zeigen die Proteste auf der ganzen Welt.“ Ruhani sagt, man müsse danach streben, Feindschaften in Freundschaften umzuwandeln und zielt damit auf das Verhältnis zu den USA. Als Signal der Entspannung sei auch die Wiedereröffnung der US-Botschaft in Teheran nach mehr als 30 Jahren nicht ausgeschlossen“, erklärte er. Zugleich versicherte Ruhani, der Iran werde keinen Fall den Besitz von Atomwaffen anstreben. Er wirbt um Investitionen aus dem Ausland: „Energiesicherheit kann entscheidend dazu bei beitragen, die Sicherheit zu verbessern.“ Zum Syrien-Konflikt sagte er, sein Land sei bereit, zu einer friedlichen Lösung beizutragen.

+++Schmähpreise für zwei Weltkonzerne+++

Der russische Gasriese Gazprom und die US-Textilkette Gap sind am Rande des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos mit den kritischen „Public Eye Awards“ bedacht worden. Gap sei dabei der Hauptpreis zugesprochen worden, weil sich der US-Konzern gegen Reformen in der Textilbranche in Bangladesch sträube, teilten die Organisationen Greenpeace und „Erklärung von Bern“ mit. Das US-Unternehmen weigere sich, trotz des folgenschweren Einsturzes von Produktionsgebäuden in Bangladesch mit über 1100 Toten im vergangenen Mai, das internationale Abkommen über die Verbesserung des Arbeits- und Brandschutzes in dem Land zu unterzeichnen. Gazprom erhielt den „Public Eye“-Publikumspreis. Der Konzern bohre in der Arktis nach Erdöl und riskiere dabei Umweltschäden, erklärten die Preisverleiher. An der Online-Abstimmung über den Publikumspreis nahmen rund 280.000 Menschen teil.

+++Entspannen mit Goldie +++

Davos ist ein anstrengendes Pflaster. Den ganzen Tag eine Sitzung nach der anderen in Konferenräumen ohne jedes Tageslicht. Da tut Entspannung Not, und was könnte entspannender sein, als zu meditieren. Am Donnerstag morgen konnten Manager und Politiker von einer ganz besonderen Lehrerin lernen, wie das geht. Die Schauspielerin und Oscarpreisträgerin Goldie Hawn nahm sich den Nöten der verspannten Davos-Elite an. (mm)

+++Wer zahlt Davos?+++

Das Weltwirtschaftsforum finanziert sich durch die Gelder ihrer Mitglieder. Und solch eine Mitgliedschaft ist nicht grade billig: Zwischen 40.000 und 400.000 Euro pro Jahr. Auch die Teilnahme in Davos kostet extra: mindestens 15.000 Euro.

+++Das Motto der Banken: „Listen and learn“+++

Wer den Namen Jamie Dimon im Programm des Weltwirtschaftsforums sucht, wird nicht fündig. Der Chef der mächtigen US-Bank JP Morgan will in diesem Jahr auf keiner Veranstaltung reden. Stattdessen hört sich Dimon an, was seine Kollegen zur Finanzkrise oder zur Regulierung der Banken zu sagen haben. „Listen and learn“, scheint das Motto für Dimon in diesem Jahr zu sein. (saf)

+++Ackermann checkt ein+++

Das Leben ist voller Überraschungen. Das gilt auch für Davos. Mittwoch Abend checkten ausgerechnet Josef Ackermann und Anshu Jain zeitgleich im Steigenberger Hotel Belvedere ein. Mehr als ein paar Höflichkeiten tauschten der alte und der neue Chef der Deutschen Bank aber nicht aus. Nach der heftigen Nachfolgedebatte, in der sich Ackermann zunächst gegen Jain ausgesprochen hatte, ist vielleicht auch nicht mehr zu erwarten. (saf)

+++ Was heute alles wichtig wird +++

Mit Spannung erwarten die WEF-Besucher den Auftritt von Irans Präsident Hassan Ruhani um kurz nach zehn. Es ist das erste Mal seit zehn Jahren, dass wieder ein iranischer Präsident auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos erscheint. Er wird in seiner Rede bei Chefs der Ölkonzernen wie BP, Total und Shell um Investitionen werben. Die sollen die Wirtschaft Irans wieder in Schwung bringen. Ruhani hofft auch auf die vollständige Lockerung der Sanktionen. Seine Rede trägt den Titel: „Irans Platz in der Welt“. Wenige Stunden nach Ruhani, am frühen Nachmittag, spricht Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Er hatte zuvor mehrfach gewarnt, dass Teheran nach wie vor den Besitz von Atomwaffen anstrebe.

+++ Das war der erste Tag +++

+++ Tweets aus der Schweizer Bergwelt +++

„Die Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“ lautet das aktuelle WEF-Motto. Politiker und Wirtschaftskapitäne stecken in Davos die Köpfe zusammen – und senden ihre Botschaften blitzschnell via Twitter in alle Welt. Hier die Tweets zum Hashtag #wef14.

Sven Afhüppe
Sven Afhüppe
Handelsblatt / Chefredakteur
Wolfgang Reuter
Wolfgang Reuter
Handelsblatt / Ressortleiter
Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

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