Tagebuch aus Nordkorea
Der große Führer schreibt Geschichte

Nordkorea ist für den Westen ein unbekanntes Land. Da fremde Journalisten nur wenig zu sehen bekommen, war unser Autor mit einem Touristen-Visum unterwegs. Seine Touristen-Erfahrungen im dritten Teil des Tagebuchs.
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7. August: Wieder tönt vom Hauptbahnhof her die mürbe machende „Musik“ ins Zimmer und um sechs Uhr ist Schluss mit Schlaf. Also Dusche anstellen, damit bald nach dem Rasieren das warme Wasser im 11. Stock angekommen ist. Es wird wieder ein sehr heißer Tag, verspricht der blaue Himmel über Pyongyang. Beim Zähneputzen mache ich mir Gedanken, was ich meinen drei Reisebegleitern als Trinkgeld am Ende des Trips gebe. Herr Kim hat mich freundlicherweise am Abend vorher darauf hingewiesen, möglichst früh über dieses Thema nachzudenken.

Es ist noch viel Zeit bis zur Abfahrt zum nächsten Sightseeing-Termin. Mit dem MP3-Player lege ich mich noch einmal aufs Bett und höre „Hidden Persuaders“ von Reverend and the Makers. Im Refrain heißt es: „You are free, to do what we tell you“. Wie ungemein passend.

Runter zum Frühstück. Irgendwo muss Salat vom Laster gefallen sein. Ich bediene mich kräftig und bestelle dann einfach mal ein Omelette und Kaffee mit Milch. Es funktioniert! Das wird die erste Mahlzeit, die ich als solche auch bezeichnen würde. Es ist nicht so, dass es an Quantität mangelt für uns Ausländer, aber die Qualität ist schlichtweg inakzeptabel. Und Farne zu essen ist von vorne herein nicht Jedermanns Sache, auch wenn das Grünzeug, wie mir versichert wird, geerntet wird, bevor es seine Giftstoffe entwickelt.

Auf einem Spaziergang entlang des Flusses zum Geschichtsmuseum frage ich meine Reiseleiterin, wie denn die Versorgungslage sei. „Es geht“, meint sie, was übersetzt so viel heißt, wie, „sehr bescheiden“. Gespräche kreisen mittlerweile nicht mehr lange um den Kern herum. Man kommt direkt zur Sache. Ich erzähle ihr, dass man nach dem Zusammenbruch der DDR in Touristenhotels viele Wanzen und hinter Spiegeln versteckte Kameras entdeckt habe. „Das ist nicht überall so schlimm“, antwortet sie. Nicht SO schlimm? Ich hatte auf eine andere Antwort gehofft und werde fortan nicht mehr nackt durchs Hotelzimmer laufen.

Bevor wir ins Geschichtsmuseum gehen, setzen wir uns kurz ins angrenzende „Cafe Hans Sacher“. Hier steht eine echte Espressomaschine und ich kann zu echten Westpreisen einen echten Milchkaffee trinken. Bilder werben für Eisenbahnmodelle „Made in Nordkorea“. Ich sage, dass man damit eventuell mehr Leute ins Land bekommen kann, als mit Minigolf. Eisenbahnfreaks reisen durch die ganze Welt, um mit alten Loks durch die Gegend gezogen zu werden und Modelle zu kaufen. Wird notiert.

Kommentare zu " Tagebuch aus Nordkorea: Der große Führer schreibt Geschichte"

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  • Daumen hoch. Das war sehr gut geschrieben.

  • Hoffe der 3. war nicht der letzte Teil, würde mich über mehr freuen.

  • Ein schöner Reisekommentar, über dieses von der Außenwelt so abgeschottete Land. Irgendwann wird auch dieses Land frei sein, von der stalinistischen Herrschaft.

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