Tagebuch aus Nordkorea
„Es wird etwas passieren in dem Land“

Nordkorea ist für den Westen ein unbekanntes Land. Journalisten bekommen nur das zu sehen, was sie sehen sollen. Unser Autor war daher mit einem Touristen-Visum unterwegs. Der fünfte und letzte Eintrag seines Tagebuchs.
  • 9

9. August: Um 9 Uhr geht mein Flug, um 7:30 Uhr müssen wir erst los. Mein Reisepass hat bereits den Ausreisestempel, ich muss nur noch durch die Sicherheitskontrolle. Diese Rundumbetreuung hat auch seine wenigen Vorteile. Am Ende wird es allerdings 7:45 Uhr bis ich so weit bin. Aus der anfänglichen Verstopfung hat sich über Nacht ein veritabler Durchfall entwickelt. Bestimmt nur die Aufregung, kein Virus, versuche ich Frau Yong zu beruhigen, der das total peinlich ist.

Noch einmal passieren wir die zur Hälfte weggespülte Brücke, in der Nähe des Flughafens. Der Wiederaufbau wird größtenteils mit bloßen Händen erledigt. Stahlstränge werden irgendwo eingeklemmt und dann hängen sich mehrere Männer ans Ende, um die Stränge zu biegen. Weil sie so mager sind, müssen vier gleichzeitig ran. Es ist ein total archaisches Bild. Nordkorea ist ein Wrack. Die Menschen – vor allem außerhalb der Funktionärsstadt Pyongyang – vegetieren, stürzen sich auf einen geplatzten Sack Mais, der von einem kaum noch fahrtüchtigen LKW gefallen ist oder sammeln alles mögliche auf ihren Fahrrädern, was ihnen brauch- oder essbar erscheint. Das ist die Realität, fern aller Touristen-Oasen, wobei selbst deren Fassade eigentlich kaum Fragen offen lässt, hält man nur ein wenig die Augen auf.

Ich besteige das Flugzeug nach Beijing. Zu meinem Glück, reist eine hochrangige, chinesische Delegation mit. Deshalb hat Air Koryo das beste Flugzeug aus dem Stall geholt. Mit funktionierender Air Condition und vielen Monitoren, über die man mit koreanischen Kampfliedern beschallt wird. Neben mir sitzt ein Franzose, der zum zweiten Mal in Nordkorea war. Seit 2008 habe sich eine Menge getan, sagt er. Vor allem gebe es viel mehr Autos. Außerhalb der Hauptstadt sehe es aber extrem schlecht aus. Er war viel im Land unterwegs, weil er in zwei Tagen eine Reisgruppe aus Beijing nach Pyongyang begleitet und das Programm organisiert hat. Es ist komplett über den Haufen geworden, weil viele Straßen im ganzen Land nicht passierbar sind.

Wir tauschen unsere Erlebnisse aus. Er meint, ich sei verrückt, dass ich meiner Reiseleitung so vertraut habe. Man könne nie wissen, was hinter der Fassade jedes einzelnen Menschen stecke. Ich erwidere, dass ich ja nun im Flugzeug sitze, mir nichts passiert sei und ich mir ziemlich sicher bin, dass die Tränen in Frau Yongs Augen beim Abschied nicht solche waren, wie sie die nordkoreanischen Frauen für tote Kims vergießen.

Wir sind uns einig: Es wird etwas passieren in dem Land. Und wir können das beschleunigen, indem wir so viele Menschen wie möglich davon überzeugen, dorthin zu reisen. Austausch, Information, zeigen, dass es eine andere Welt gibt, dass ist nicht die Lösung alleine. Aber wenn wir Nordkorea mit Touristen überschwemmen, werden keine Brücken weggespült, sondern gebaut.

Um 10:30 Uhr landen wir in Beijing. Mein deutscher Freund, der hier arbeitet, ist extra mit dem Fahrrad aus der Stadt rausgefahren, um zu sehen, ob ich noch lebe und um Bilder zu sehen und Geschichten zu hören. Meine ersten 200 Meter am Stück ohne Begleitung seit fünf Tagen lassen viel Anspannung abfallen. „Puh, zurück in der freien Welt.“ - „Ähm, Du weißt schon, dass wir hier in China sind?“ Klar, recht hat er. Aber alles ist nun mal relativ.

Unser Autor war mit einem Touristen-Visum in Nordkorea. In einem Tagebuch zeichnet er seinen Aufenthalt exklusiv für Handelsblatt Online nach. Da seinen Reisebegleitern und ihren Angehörigen wegen ihrer Handlungen und Äußerungen Strafen drohen, sind ihre Namen geändert. Deshalb erscheint der Text auch ohne Nennung des Autors.

Kommentare zu " Tagebuch aus Nordkorea: „Es wird etwas passieren in dem Land“"

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  • Fantastischer Artikel, fantastische Serie! So etwas würde ich gerne wieder lesen. Ich hoffe nur, dass die beschriebenen Personen wirklich geschützt bleiben und durch die Beschreibung der besichtigten Orte nicht Rückschlüsse möglich sind.

  • Warum sie nehmen das recht zu urteilen über ein land in dem sie nicht wurden geboren? wir brauchen keine westliche arroganz und von oben herab schauen. wir haben etwas, was sie nicht kennen das ist der stolz und der vertrauen in die politische führung. ich erbitte mir etwass mehr respekt aus.
    bitte schauen sie auch in norden es geht den menschen sehr gut weil sie haben eine stolze herz.

  • Sie haben sicherlich recht damit, dass man immer mit einer Vormeinung in dieses Land kommt und entsprechend nach Bestätigungen für seine Informationen sucht. Man stößt allerdings schon von ganz alleine darauf. Dass dieses Land aber komplett am Boden liegt, entnehme ich schon der Tatsache, dass nicht einmal die Vorzeige-Hotels und -"Sightseeing"-Orte mit ausreichend Strom oder fließendem Wasser versorgt werden. Und dass dieses Land ohne Schulden auskommt, kann man so sehen, wenn man das viele Geld aus Russland und China als Geschenk sieht.

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