Tagebuch aus Nordkorea
Greifbare Hoffnung auf bessere Zeiten

Nordkorea ist für den Westen ein unbekanntes Land. Fremde bekommen nur zu sehen, was sie sehen sollen. Unser Autor war deshalb mit einem Touristen-Visum unterwegs. Heute im Tagebuch: Minigolf, Farnsalat und viele Handys.
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6. August: Wer redet eigentlich im Zusammenhang mit Nordkorea immer von „totaler Abschottung“? Das ist doch Blödsinn! Hier im Hotel kann man zwar keine E-Mails empfangen, aber immerhin eine pro Tag abschicken – für einen schlappen Euro. Also bitte, wo ist das Problem?

Das Land ist schwer gebeutelt, ja, gut. Aber daran ist vor allem der Regen Schuld. Beim gestrigen Anflug habe ich viele Äcker unter Wasser stehen sehen und auch eine Brücke der Straße vom Flughafen in die Stadt war zur Hälfte weggespült. Aber die unerschrockene Kraft des koreanischen Volkes wird auch diese Herausforderung meistern. Zum Beispiel mit dem Einsatz deutscher Bagger. Wo die herkommen, wer dafür an wen bezahlt hat, ist doch völlig egal, so lange die Infrastruktur für den Massenverkehr aufrecht erhalten werden kann.

In der Rush-Hour fahren locker fünf Autos über eine Straße – pro Minute! Das sind dann nicht etwa alte, klapprige Ladas, sondern Mercedes, Volvos und Toyotas. Es gibt hier viel mehr Verkehr, als man denkt, wenn man nur die typischen Bilder leerer Straßen mit einer Verkehrspolizistin kennt, die den Autofluss regelt, wo kein Autofluss ist. Zumindest in der Hauptstadt gibt es mittlerweile so viel Verkehr, dass an einigen Stellen sogar Ampeln stehen – an die sich kaum jemand hält.

Um sechs Uhr morgens werde ich durch plärrende Musik aus Lautsprechern an den Straßen geweckt. Morgenappell. Kein Mensch ist zu sehen, aber es hört sich an, als ob sich irgendwo tausende Menschen versammelt haben, um der aufgehenden Sonne zuzujubeln. Natürlich werden sie Kim Il Sung und Kim Jong Il zujubeln, die den Sonnenaufgang überhaupt erst möglich machen. Eine Stunde später eine höllisch laute Sirene mit anschließendem Gesang. Frauenstimme. Danach hört man auch die ersten Autos fahren und sieht Menschen in U-Bahnschächten verschwinden.

Blauer Himmel, die Sonne strahlt – genau der richtige Tag, um an einigen Statuen Blumengebinde niederzulegen. Ein Standard im touristischen Programm. Leider gibt es diplomatische Verwicklungen. Meiner Meinung nach habe ich die Blumengebinde bereits mit meinem Reisepreis entgolten. So steht es in meinen Unterlagen. Herr Kim besteht jedoch darauf, dass ich die Blumengebinde bezahlen müsse, ich wäre sonst der Erste, der dies nicht vor Ort tue. „Gut, dann bin ich halt der Erste. Andernfalls müssten wir den Programmpunkt „Blumenniederlage an zwei Bronze-Statuen“ streichen“, gebe ich knallhart zu Protokoll und riskiere damit eine ernsthafte bilaterale Krise. Und als sei das noch nicht genug, fragt mich Herr Kim, ob ich nicht doch eventuell die Gymnastikshow „Arirang“ ansehen möchte. Es gäbe da die Möglichkeit, extra für mich, dass ich das Eintrittsgeld erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland bezahle. Das ist nett gemeint, aber auch in diesem Punkt bleibe ich hart und lehne ab.

Kommentare zu " Tagebuch aus Nordkorea: Greifbare Hoffnung auf bessere Zeiten"

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  • Ich könnte einen wesentlich besseren und vor allem respektvolleren Artikel über Nordkorea schreiben, wenn ich nicht unterschrieben hätte, dass ich nichts über meine Reise in den "mainstream media" veröffentliche.

    Das Handelsblatt sollte sich was schämen, so ein Geschmier zu veröffentlichen!

  • Na wenn das nicht schnell ging. http://www.businessinsider.com/kim-jong-un-demands-more-mini-golf-2012-8

    Ansonsten ist der gesamte Artikel mehr oder weniger ein Witz. Ich war selbst das ein oder andere Mal in Nordkorea - habe nicht nur diametral andere Erfahrungen gemacht, sondern auch, wie eigentlich vor jeder Reise, abgewägt zwischen "Vorher alles wissen, Hierbleiben vs. Hinfahren, Fragen haben". Sie, werter Autor, können mir nicht erzählen, dass mit dem Besuch alle Fragen über Nordkorea beantwortet sein, das für Sie ein abschließendes Urteil zu fällen sei; jeder Besucht wirft noch mehr Fragen auf als man vorher hatte.

  • Vor der bitteren Armut kommt noch ein kommunistischer Totalitarismus, der das alles erst möglich macht.

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