Tagebuch aus Nordkorea
„Sind Sie das nicht neben Kim Jong Il?“

In Nordkorea bekommen Journalisten nur zu sehen, was sie sollen. Unser Autor war deshalb mit einem Touristen-Visum unterwegs. Am vierten Tag sieht er die Demarkationslinie, dressierte Kinder - und ein wenig Hoffnung.
  • 5

8. August: Die Morgenmusik ist hier noch lauter und hält bis zur Abfahrt vom Hotel an. Um 6 Uhr ist deshalb die Nacht für mich vorbei. Das Frühstück hat gerade angefangen, da fällt wieder der Strom aus. Und zwar ebenfalls bis zur Abfahrt. Was mich sehr nervös macht, da ich eigentlich meinen Fotoapparat aufladen muss. Gleich geht es zur Grenze und da will ich unbedingt ein paar Bilder von mit nach Hause bringen.

Davon abgesehen laufen auch die Klimaanlagen nicht mehr und innerhalb weniger Minuten ist das ganze Gebäude extrem stickig und die Dusche (Wasser aus einer Schale über den Kopf kippen) war völlig umsonst. Der Schweiß fließt schon wieder in Strömen.

Die gute Nachricht: Mein Fotoapparat lässt sich über eine Steckdose im Auto während der Fahrt aufladen. Bei der Ausfahrt aus Sariwon bekomme ich das ganze Elend zu sehen. Auf einer Baustelle – hier wird ziemlich offensichtlich an einem neuen Standbild gewerkelt – schleppen Kinder schwere Steine und wird Erde von vielen Männern mit den bloßen Händen ausgebuddelt. Ich ziehe den Stecker vom Fotoapparat und will ein Bild machen, aber meine Reiseleiterin zieht Grenzen: „Bitte keine Fotos bei unvorhergesehenen Situationen.“ Das sagt so ziemlich alles darüber aus, welche Realität Touristen gezeigt bekommen sollen.

Trotzdem lässt sich nicht die ganze Wahrheit ausblenden. Ein großer Bus sieht hier so aus, dass ein kleiner Bus einen anderen kleinen Bus abschleppt. Uralte Traktoren stoßen schwarze Abgaswolken aus, während sie kaputte Militärlaster hinter sich her ziehen. Und überall hocken wieder Menschen, die einfach nur warten, dass der Tag zu Ende geht. Auch der Mann meiner Reiseleiterin ist im Prinzip arbeitslos. Sie verklausuliert das mit den Worten: „Er wartet noch vielleicht drei Monate auf sein nächstes Projekt.“

Die Autobahn Richtung Grenze, oder wie es hier im offiziellen Sprachgebrauch heißt, „Demarkationslinie“, gleicht einer leeren Landebahn. Entlang der Strecke sitzen, hocken, liegen wieder viele Menschen und man weiß nicht, warum. Auf einen Bus werden sie nicht warten. Und wenn doch, dann vergeblich. Bis zur entmilitarisierten Zone passieren wir drei Straßenkontrollen. Dann ist es soweit. Die Gren..., die Demarkationslinie ist nah. Mit ein paar anderen Reisebussen geht es in den Grenzbereich. Zwei Kilometer dies- und jenseits des 38. Breitengrades gelten als waffenfrei. Die uns begleitenden Offiziere haben lediglich eine „One-Shot-Gun“ dabei, für unsere Sicherheit.

Kommentare zu " Tagebuch aus Nordkorea: „Sind Sie das nicht neben Kim Jong Il?“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Der Artikel ist wirklich sehr gut und unterhaltsam geschrieben. Ich selbst war bereits in Nordkorea und habe einige Bemerkungen.
    1. Eine Reise nach Nordkorea kostet das 600-fache und nicht das 60-fache eines Monatsgehalts eines Arbeiters. Dieser verdient nämlich 2000 Nordkoreanische Won, das sind nach Westkurs - mit dem sie wahrscheinlich gerechnet haben - 20 Euro. Der echte Kurs ist aber um den Faktor 10 kleiner http://www.onvista.de/devisen/snapshot.html?ID_CURRENCY_FROM=EUR&ID_CURRENCY_TO=KPW.
    2. Wie von Ihnen angemerkt ist das Geburtshaus von Kim-Il-Sung eindeutig ein Neubau und niemals Original. Es soll nach Aussagen unserer Führer auch kein renovierter Bau sein. Einem Führer rutschte aber heraus, dass der Vater Förster gewesen sein soll. Auf jeden Fall waren die Eltern keine Bauern oder bitterarm, welche in diesem neugebauten Bauernhaus gelebt haben.
    3. Reisen für Eisenbahnfreunde nach Nordkorea gibt es bereits.
    4. Im Yanggakdo Hotel wird man wahrscheinlich überwacht. Es gibt nämlich einen geheimen Stock, welchen man nicht per Fahrstuhl erreichen kann. Wir haben ihn selbst über das Treppenhaus erlangt. Und das Stockwerk war voll von Propaganda und wahrscheinlich Überwachungsräumen. Letzteres will ich aber nicht beschwören. Siehe http://www.youtube.com/watch?v=5qQGt_E5cjg

    Vielleicht ist Ihnen auch aufgefallen, dass es kaum Bäume in Nordkorea gibt? Die Menschen dort besitzen nämlich in den meisten Fällen statt einer Heizung, einen Allesbrennerofen, welcher dann mit Holz gefüttert wird. Fließendes Wasser ist übrigens selbst in Pjöngjang Mangelware. Jedenfalls gab es außer im Hotel niemals welches.

    Ansonsten noch ein paar bittere "Funny-Facts" über Nordkorea. Nordkoreas Führung tut alles um an Geld zu kommen. Dafür stellen sie Heroin her, fälschen Dollarnoten und verkaufen Atomwaffentechnik.

  • Also irgendetwas müssen die Nord-Koreaner ja richtig machen. Seid Jahrzehnten ist das Land aufgrund der Embargos praktisch vom Handel ausgeschlossen.

    Und wir in Deutschland kommen nicht mal mit Freihandelsabkommen & EU zurecht ohne uns völlig zu Überschulden. Bei uns müssen schon jetzt Menschen für altes Brot Schlange stehen und Zwangsabgaben stehen auch schon an.


  • Vom fleissigen Lieschen hier mehr:

    http://psiram.com/ge/index.php/Wissensmanufaktur

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%