Taiwan vor der Wahl: Die Angst vor dem mächtigen Bruder China

Taiwan vor der Wahl
Die Angst vor dem mächtigen Bruder China

Millionen Taiwaner sind am Samstag aufgerufen, einen neuen Präsidenten zu wählen. In China wird der Urnengang mit Skepsis beobachtet, denn die Zeit der Annäherung beider Länder könnte bald vorbei sein.

TaipehTsai Ing-wen scheint in der Menschenmenge nahezu unterzugehen. Die zierliche 59-Jährige streckt ihre Hand in die Höhe, um ihren Anhängern zuzuwinken. Jubel übertönt ihre Worte, während sie sich mit ihren Leibwächtern durch die Menge zwängt. Für viele Taiwaner ist sie eine Hoffnungsträgerin, die nach der Wahl am Samstag als erste weibliche Präsidentin die Inselrepublik in eine neue Zukunft führen könnte.

Beim großen Nachbarn China hingegen gilt die Juraprofessorin als ein gewaltiges Risiko. Denn die Vorsitzende der Demokratischen Fortschrittspartei (DPP) ist der Taiwanischen Unabhängigkeitsbewegung entwachsen. Für Peking ist Taiwan ein untrennbarer Teil des Landes.

Zwar hatten sich im November vergangenen Jahres zum ersten Mal die Führer Chinas und Taiwans getroffen. Der Händedruck von Xi Jinping und Ma Ying Jeou bedeutete aber aus Pekings Sicht keine Abkehr vom Machtanspruch über die Insel.

Eigentlich betrachten sich beide Länder als China. Nachdem die nationalchinesische Partei Kuomintang im Bürgerkrieg gegen die Kommunisten verloren hatten, flüchteten die Parteimitglieder 1949 nach Taiwan. Revolutionär Mao Tsetung rief in Peking die Volksrepublik aus, während auf Taiwan die Republik China etabliert wurde.

Beide Führungen beanspruchten das gesamte China als ihr Territorium und beide begannen als autoritär geführte Regime. Aber während sich die Kommunisten in China ununterbrochen an der Macht hielten, leiteten die Nationalchinesen in Taiwan die Demokratisierung ein.

Unter der achtjährigen Präsidentschaft von Ma Ying Jeou und seiner Kuomintang-Partei (KMT) ist Taiwan zuletzt wirtschaftlich immer näher an den großen Bruder gerückt. Ma hatte mit der Volksrepublik mehr als 20 Verträge aushandeln lassen, die unter anderem wöchentlich hunderte Direktflüge ermöglichen, Austausch von Studierenden erleichtern, Bankgeschäfte vereinfachen und gegenseitigen Tourismus fördern.

Diese Nähe werfen nun jedoch Skeptiker dem scheidenden Präsidenten vor, der nach zwei Amtszeiten nicht mehr antreten darf. Gerade unter jungen Taiwanesen ist die Angst vor einer chinesischen Übermacht groß. „Wir wollen nicht von China vereinnahmt werden“, sagt die Studentin Yun. Gemeinsam mit Tausenden Studierenden und Akademikern war die 21-Jährige Anfang 2014 auf die Straße gegangen, um gegen weitere Wirtschaftsabkommen zwischen Taiwan und China zu protestieren.

Demonstrierende hatten anschließend fast einen Monat lang Taiwans Parlament besetzt. Nachdem ein sympathisierendes Floristikunternehmen den Besetzern Sonnenblumen gespendet hatte, firmierten die Studierenden unter dem Namen „Sonnenblumen-Bewegung“. Am Ende lenkte die Kuomintang ein und stoppte die Abkommen zumindest zwischenzeitig. Viele der Studierenden schlossen sich anschließend der DDP unter Tsai Ing-wen an.

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Tsai tritt für den Erhalt des Status quo an

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