Taliban-Milizen
Sorge um deutsche Soldaten in Afghanistan wächst

Die Sorge um das Leben der deutschen Soldaten am Hindukusch nimmt zu. Grund sind die fast täglichen neuen Meldungen über Anschläge in Afghanistan. Alleine im Süden des Landes sind seit vergangener Woche rund 300 Menschen ums Leben gekommen.

BERLIN. Mit immer neuen Meldungen über Anschläge in Afghanistan wächst die Sorge um das Leben der deutschen Soldaten am Hindukusch. Nach offizieller Auskunft des Verteidigungsministeriums ist die Lage für die Soldaten unverändert „nicht ruhig, nicht stabil“. Parteiübergreifend melden aber Abgeordnete Befürchtungen, die Serie von Kämpfen, Bombardements und Anschlägen vor allem im Süden des Landes könnten weiter auf den Norden übergreifen. Dort ist die Mehrheit der deutschen Streitkräfte stationiert; der Rest befindet sich in der Hauptstadt Kabul.

Sozialdemokraten sprechen von einer „verschlechterten Sicherheitslage“. Der Terror habe eine „neue Qualität“ erlangt, heißt es. Rainer Arnold, verteidigungspolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, warnte davor, das Problem „zu verniedlichen“. Der FDP-Wehrexperte Rainer Stinner, gerade von einer mehrtägigen Reise nach Afghanistan zurückgekehrt, räumte ein, noch „keine genauen Anhaltspunkte“ dafür zu haben, dass zunehmend auch der Norden in das Visier der radikal-islamischen Taliban-Kämpfer gerate. Die Situation müsse „aber sehr genau beobachtet werden“. Winfried Nachtwei, Wehrexperte der Grünen, sagte dem Handelsblatt, die Häufung der Anschläge im Norden sei „sicherlich beunruhigend“. Von einer grundsätzlichen Lageveränderung wollte er jedoch nicht sprechen. Sowohl Nachtwei als auch Stinner machten für die jüngsten Anschläge im Norden des Landes Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem Drogenanbau verantwortlich.

Die Bundeswehr, die mit zwei Wiederaufbauteams in Kundus und Faisabad vertreten ist sowie einen Schwerpunkt in der Provinzmetropole Masar-i-Sharif aufbaut, sei sich der Bedrohungslage sehr wohl bewusst, sagte Stinner dem Handelsblatt. Außerhalb ihrer Camps bewegten sich die Soldaten ausschließlich in gepanzerten Fahrzeugen. Auch hätten verstärkt Sicherheits- und Verhaltenstrainings stattgefunden, um vor allem die Gefahr zu reduzieren, besonders hinterhältigen Anschlägen zum Opfer zu fallen.

Bei Kämpfen in Südafghanistan sind seit vergangener Woche rund 300 Menschen ums Leben gekommen, darunter auch mehrere ausländische Soldaten. Die Gefechte gehörten zu den schwersten seit dem Sturz des Taliban-Regimes 2001. Nach Ansicht der Vereinten Nationen gefährdet nun zudem eine Hungersnot die Sicherheit im Land. „Eine richtige Hungersnot könnte in den kommenden Monaten ein ernsthaftes Problem darstellen“, sagte der für Asien zuständige Leiter des Welternährungsprogramms (WFP) in Asien, Anthony Banbury.

Auch im Norden war es zuletzt verstärkt zu Anschlägen gekommen. Auch auf die Bundeswehr war ein Anschlag verübt worden. Soldaten waren nicht zu Schaden gekommen. Pures Glück – so die Einschätzung der Wehrexperten. FDP-Politiker Stinner rief dazu auf, die sicherheitspolitische Diskussion zu erweitern: „Wir können nicht so tun, als würden wir nur Peacekeeping machen.“ Durch die Beteiligung an der internationalen Friedenstruppe Isaf „hängen wir voll mit drin“. Isaf-Truppen seien „eindeutig Kampftruppen“, so Stinner. Im Zuge der Ausweitung des Isaf-Engagements in den Süden würden die Streitkräfte „auf erheblichen Widerstand stoßen“ – und möglicherweise auch die Bundeswehr.

Zwar gebe es bislang keine konkrete Anforderung, sagte Stinner. Der derzeitige britische Isaf-Befehlshaber könne jedoch in Erwägung ziehen, deutsche Soldaten auch im Süden einzusetzen. Stinner wies darauf hin, dass das Mandat des Bundestags erlaube, die Bundeswehr auch in den Westen und Süden Afghanistans zu schicken, wenn Anfragen dort stationierter Wiederaufbauteams kämen. Das Mandat war im September 2005 auf Betreiben von Ex-Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) entsprechend erweitert worden.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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