Tamilische Tiger weisen Verantwortung für Attentat auf Außenminister zurück
Staatspräsidentin verhängt in Sri Lanka Ausnahmezustand

SRI Lankas Präsidentin Chandrika Kumaratunga hat nach der Erschießung des Außenministers den Ausnahmezustand über den Inselstaat verhängt.

HB COLOMBO. Während die Polizei hinter dem Anschlag die Rebellengruppe Tamilische Tiger (LTTE) vermutete, sagte die Präsidentin, Außenminister Lakshman Kadirgamar sei von „politischen Feinden“ ermordet worden. Die LTTE machte sie nicht direkt dafür verantwortlich. Zu der Tat bekannte sich bislang niemand. Die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) wiesen jede Verantwortung für die Ermordung Kadirgamars zurück. Ein Rebellenvertreter sagte dem indischen Nachrichtensender NDTV, die LTTE habe nichts mit dem Anschlag zu tun.

Zwischen den Tigern und der Regierung herrscht seit 2002 ein brüchiger Waffenstillstand. Der Ausnahmezustand ermöglicht den freien Einsatz von Truppen. Anzeichen für einen Bruch des Waffenstillstand mit der LTTE gab es aber offenbar nicht. „Der Ausnahmezustand ist ausgerufen worden, um die nationale Sicherheit zu gewährleisten“, erfuhr Reuters von einem Sprecher der Präsidentin. „Es ist eine rechtliche Maßnahme, um den freien Einsatz von Notfalltruppen zu ermöglichen.“

Auf den Außenminister wurde am späten Freitagabend ein Attentat verübt. Er starb früh am Samstag in einem Krankenhaus der Hauptstadt. Selbst Tamile, hatte er sich für eine Einstufung der Tiger als Terroristenorganisation eingesetzt. Als solche werden sie unter anderem von den USA betrachtet. Polizeikreise schrieben die Tat einem Heckenschützen zu. Die Polizei hatte zuvor erklärt, auf den 73-jährigen Politiker sei in der Nähe seines Hauses geschossen worden. Sie riegelte die Straßen um das Haus ab.

Schwer bewaffnete Polizisten suchten das zentrale Viertel in Colombo mit Spürhunden ab, während Hubschrauber das Gebiet überflogen. Soldaten errichteten Straßensperren rund um die Hauptstadt und führten Personenkontrollen durch. Polizei-Generalinspektor Chandra Fernando bezeichnete die Tiger-Rebellen als die Täter. Polizeikreisen zufolge wurden kurz nach der Tat zwei Personen festgenommen. Zu deren Identität wurde zunächst nichts bekannt.

Nur einen Tag vor dem Anschlag hatte die LTTE gedroht, die Weigerung der Regierung zur Entwaffnung von Abtrünnigen könne zu einem Wiederaufflammen des Bürgerkriegs führen. Die Tiger-Rebellen werfen dem Militär vor, eine andere Gruppe zu unterstützen. Diese andere Gruppe hat der LTTE zufolge zum Ziel, Politiker der Tiger-Bewegung zu töten.

Die Tiger kämpfen seit 1984 für einen unabhängigen Tamilen-Staat im Norden und Osten der Insel. In dem Bürgerkrieg wurden 64 000 Menschen getötet. In der jüngsten Vergangenheit hat die Gewalt wieder zugenommen, wofür sich Tiger-Rebellen und Regierung gegenseitig verantwortlich machen. Auch während des dreieinhalbjährigen Waffenstillstands wurden Dutzende Rebellen, Polizisten und Soldaten getötet. Am Freitag wurden bei weiteren Angriffen in Colombo drei weitere Menschen getötet, darunter eine tamilische Fernsehansagerin. Auch hier machte die Polizei die Tiger verantwortlich, blieb aber Belege schuldig.

Internationale Reaktionen

Die internationale Beobachtermission für den Waffenstillstand sieht den Friedensprozess in Gefahr. Der Mord gefährde die seit mehr als drei Jahren anhaltende Waffenruhe zwischen den Tamilen-Rebellen der LTTE und der Regierung, teilte der Chef der Sri Lanka Monitoring Mission (SLMM), Hagrup Haukland, am Samstag in Colombo mit. „Dieser barbarische Akt ist ein schwerer Schlag für den gesamten Friedensprozess.“ Haukland rief die Konfliktparteien dazu auf, den Waffenstillstand weiter einzuhalten.

Die Suche nach Frieden im Land muss nach Ansicht von EU-Außenkommissarin Benita Ferrero-Waldner trotz der Ermordung des Außenministers fortgesetzt werden. „Dies war ein bösartiges terroristisches Verbrechen. Die Täter müssen zur Verantwortung gezogen werden“, erklärte Ferrero-Waldner am Samstag in Brüssel. Es sei die eindeutige Absicht der Mörder gewesen, den inneren Konflikt in SRI Lanka neu anzufachen. „Wir sollten Außenminister Kadirgamar dadurch ehren, dass wir seine Suche nach Frieden fortsetzen und den Waffenstillstand bewahren.“ Die für Außenpolitik zuständige EU-Kommissarin bezeichnete ihn „als Mann von großer Statur, der versuchte, eine friedliche und demokratische Lösung für die Probleme seines Landes zu finden“.

Bundesaußenminister Joschka Fischer hat die Ermordung seines sri lankischen Amtskollegen als „hinterhältige Tat von Terroristen“ scharf verurteilt. In einem Kondolenzschreiben an Präsidentin Chandrika Kumaratunga würdigte Fischer das Engagement Kadirgamars für den Friedensprozess in Sri Lanka als „herausragend“. „Der verabscheuenswürdige Mord an ihm richtet sich auch gegen den Friedensprozess. Alles muss getan werden, damit sein tragischer Tod die Bemühungen um einen stabilen und dauerhaften Frieden in Sri Lanka nicht beeinträchtigt.“ Fischer schrieb weiter, er sei Kadirgamar auch persönlich „freundschaftlich verbunden“ gewesen.

Auch die USA verurteilten die Tat. Ein Vertreter des Außenministeriums in Washington forderte die Bürger SRI Lankas zu Ruhe und Besonnenheit sowie zu einer Fortsetzung des Friedensprozesses auf. UN-Generalsekretär Kofi Annan äußerte sich einem Sprecher zufolge schockiert.

Touristen in Sri Lanka sind nach Angaben des Reiseveranstalters Thomas Cook von dem Ausnahmezustand auf der Insel nicht beeinträchtigt. Auch Rundreisen und Ausflüge könnten wie geplant stattfinden, sagte ein Sprecher in Oberursel. Der zweitgrößte europäische Tourismuskonzern hat derzeit rund 700 Gäste in Sri Lanka.

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