Es ist das erste Mal, dass Piraten einen Supertanker in ihre Gewalt bringen. "Das ist beispiellos", sagte ein Sprecher der fünften Flotte der US-Marine. Beispiellos ist auch der Einsatz, der diesmal auf dem Spiel steht: Die "Sirius Star" hat nach Angaben der Reederei Vela International, einer Tochter des saudiarabischen Konzerns Aramco, rund zwei Millionen Barrel Öl geladen; der Gesamtwert liegt bei rund 100 Mill. Dollar. Und es geht auch um die Frage, ob die wichtigen Seewege in die Ölförderländer noch sicher sind.
Derzeit seien der Nato die Hände gebunden, räumte Appathurei gestern ein. Das Bündnis sei nicht im Indischen Ozean präsent und könne daher auch nichts für den entführten Supertanker tun. Zwar könnte der Fall Sirius Star ein Umdenken einleiten. Im Brüsseler Nato-Hauptquartier denkt man zum Beispiel darüber nach, die im Dezember geplante Anti-Piraterie-Mission der EU (Eunavfor Atalanta) zu unterstützen. Doch auch diese Mission, an der die Bundesmarine mit einer Fregatte teilnehmen soll, ist bisher auf den Golf von Aden beschränkt.
Im Indischen Ozean hingegen, wo sich der jüngste Zwischenfall ereignete, wollen weder EU noch Nato aktiv werden. Die Sicherung der Seewege sei kein primäres Problem der Nato, sagte ein Brüsseler Diplomat. Vielmehr müssten sich die Firmen und Nationen selbst um den Schutz ihrer Transporte kümmern. Zudem müsse man die Frage klären, was mit Piraten geschehen soll, die bei Militäreinsätzen gestellt werden. Bisher gebe es dafür keine klaren Regeln. Deshalb zögert auch Deutschland mit festen Zusagen für die geplante EU-Mission.
Weniger Skrupel scheint China zu haben. Das dortige Verteidigungsministerium gab zu erkennen, dass das Land seinen ersten Flugzeugträger bauen will. Offiziell soll er nur zur Landesverteidigung dienen, doch auch der Schutz der in Afrika besonders aktiven chinesischen Zivilschifffahrt wäre eine Option. Die US-Marine ist auf einen Einsatz dieser Art offenbar vorbereitet. Man prüfe die Lage, sagte ein Sprecher der fünften Flotte auf die Frage, ob US-Kriegsschiffe die somalischen Piraten angreifen könnten. In der Vergangenheit wurde das Piraterie-Problem zumeist anders gelöst - durch eine Ablöse nämlich. Schätzungen zufolge seien so schon 100 Mill. Dollar an die Seeräuber geflossen.