Taylors Vermögen wird auf 2 Milliarden Dollar geschätzt
Auf Afrikas Rohstoffen liegt ein Fluch

Auf den ersten Blick sieht das Häufchen wie grobkörniger Zucker aus. Doch es sind winzige weiße Diamanten, die fast 100 000 $ wert sind. Für Millionen von Menschen im westlichen Afrika sind die funkelnden Steine aus Sierra Leone, die eigentlich eine Quelle des Wohlstands sein sollten, zum Fluch geworden. Seit Jahren wird erbittert um ihre Kontrolle gekämpft. Denn die Kriegsparteien brauchen Geld für ihre Kalaschnikows, Tarnuniformen und Stiefel.

KAPSTADT. Einer dieser Kriegsfürsten ist der liberianische Staatschef Charles Taylor, der aus Habgier nicht nur sein eigenes Land geplündert hat, sondern in der ganzen Region zum Brandstifter wurde. Schon kurz nach seiner Machtübernahme 1997 begann der heute 55-Jährige die Aufständischen im benachbarten Sierra Leone zu unterstützen, deren Markenzeichen es war, ihren Opfern die Gliedmaßen abzuhacken. Im Austausch für Rohdiamanten aus Sierra Leone lieferte Taylor den Rebellen Waffen und Munition.

Wie lukrativ das Geschäft war, lässt ein Expertenbericht der Uno erahnen: So beliefen sich die offiziellen Diamantenexporte Liberias 1999, auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs in Sierra Leone, auf 900 000 $. Zugleich trafen in Belgien „liberianische“ Rohdiamanten für 247 Mill. $ ein. In Wirklichkeit stammen sie aus Sierra Leone, geschmuggelt über die Taylor-Connection nach Antwerpen. Denn Liberia hat praktisch keine Diamantenvorkommen.

Ebenso rücksichtslos hat Taylor das eigene Land ausgebeutet: In dem im Südosten von Liberia gelegenen Regenwaldgebiet war bis vor kurzem die Oriental Timber Corporation (OTC) mit dem Kahlschlag großer Waldflächen beschäftigt. Die wertvollen Edelhölzer wurden nach China exportiert – und natürlich verdiente Taylor gut daran. Heute wird sein Privatvermögen auf etwa 2 Mrd. $ geschätzt. Als die Uno im Juni ein Embargo über die liberianischen Holzausfuhren verhängte, verließ die OTC Liberia. Taylor verlor eine seiner wichtigsten Einnahmequellen – und mit ihr die Kontrolle über das Land.

Liberia ist nur ein Beispiel dafür, wie der Rohstoffreichtum die Entwicklung vieler afrikanischer Länder erstickt. Wenn ein Staat wie Nigeria oder Angola reiche Ölquellen besitzt, können sich seine Führer aber auch Rebellen daran bereichern, ohne etwas für den Aufbau der Wirtschaft tun zu müssen.

Korrupte Führer zementieren ihre Machtbasis zudem dadurch, dass sie einen Teil der Beute mit der eigenen Volksgruppe teilen, was wiederum zu ethnischen Spannungen führt. Meist geht der offensichtliche Wohlstand der Eliten spurlos an den Menschen vorüber. Liberias Hauptstadt Monrovia ähnelt heute einer ausgebrannten Ruine. Einzige intakte Gebäude sind die zu einem Bunker ausgebaute Residenz Charles Taylors sowie die befestigte US-Botschaft.

Eine jüngst vorgelegte Uno-Studie kommt denn auch zu dem Ergebnis, dass viele Konflikte in Afrika in direktem Zusammenhang mit der Abhängigkeit des Landes von einem einzelnen Rohstoff wie Öl , Diamanten oder Gold stehen. Ein Musterbeispiel dafür ist der Kongo, wo seit fast sechs Jahren ein Bürgerkrieg tobt, der rund drei Millionen Menschenleben gekostet hat. Zwar kämpfen die Rebellen im Osten angeblich um Demokratie und mehr Autonomie, doch sind diese Ziele aus dem Blickfeld geraten. Warum sollten die Rebellen und ihre Helfer im benachbarten Uganda und Ruanda auch Frieden schließen, wenn sie am Krieg so gut verdienen?

Der Ostkongo zeigt, wie schnell ein Konflikt aus dem Ruder läuft. Jahrzehntelang lebten hier Hema und Lendu weitgehend friedlich zusammen. Doch vor vier Jahren eskalierte die Lage: Lokale Führer sahen die Chance, sich mit Hilfe der im Zuge des kongolesischen Bürgerkriegs eingedrungenen Armeen aus den Nachbarstaaten Uganda und Ruanda zu Kriegsfürsten aufzuschwingen und die hier lagernden Rohstoffe auszubeuten.

Als im Mai die Ugander abzogen, entbrannte der Streit um die Rohstoffe mit aller Macht. Die Ugander hinterließen ein Machtvakuum, das die Soldaten der Uno-Beobachtermission nicht füllten.

Hinzu kommen erste Erdölfunde an dem Albert-See zwischen Uganda und Kongo. Sollten die geplanten Probebohrungen erfolgreich sein, könnte die Region zu einem weltweit bedeutenden Fördergebiet werden – erfahrungsgemäß verschärfen sich die regionalen Spannungen dann weiter.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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