Terror-Bekämpfung als Hauptaufgabe der EU-Behörde
Wie Europol Scotland Yard hilft

Von außen wirkt die Europäische Polizeibehörde wie ein verwunschenes Schloss. Wilder Wein rankt sich an den erdfarbenen Wänden hoch. Aber im Inneren herrscht bei Europol zurzeit erhöhte Betriebsamkeit. Die Fahnder in Den Haag unterstützen intensiv die Ermittlungen der Metropolitan Police in London.

DEN HAAG. Rund um die Uhr sind die Beamten im Einsatz. Sie vergleichen zum Beispiel die in London verwendeten Sprengstoffe mit den gespeicherten Substanzen in der so genannten Bombendatenbank. Eventuell sind so Verbindungen zu anderen Anschlägen und Gruppen auszumachen.

Welche Informationen genau von Den Haag nach London gehen und umgekehrt, wollen die Beamten nicht verraten. „Aber internationale Kooperationen wie mit Europol sind sehr wichtig für uns“, sagt eine Sprecherin der Metropolitan Police.

Der Terror-Einsatzplan der Behörde in Den Haag wurde nach den Anschlägen in New York und Madrid fortentwickelt. Im November 2001 richtete Europol eine Anti-Terror-Einheit ein. Damit verschob sich der Arbeitsschwerpunkt. Denn zuvor war sie vorwiegend für die Bekämpfung des organisierten Verbrechens zuständig.

Der Kampf gegen illegale Drogen ist bis heute eine der wichtigen Aufgaben von Europol, das 1992 mit dem Vertrag von Maastricht geschaffen wurde. Jedes Jahr werden 250 Tonnen Kokain und 60 bis 100 Tonnen Heroin in die EU importiert. Mit der Hilfe von Europol konnten kürzlich auf einen Schlag acht Tonnen Cannabis sicher gestellt werden, die auf dem Weg von Spanien nach Großbritannien waren. Aber die Drogen-Spezialisten konzentrieren sich mittlerweile vor allem auf die Chemikalien, aus denen synthetische Drogen hergestellt werden. „Oft bekommen wir Anrufe mitten in der Nacht, wenn die Polizei in einem Mitgliedsstaat ein Drogenlabor ausheben will. Dann schicken wir unsere Experten“, sagt Richard Weijenburg, der Leiter der Abteilung.

Selbst ermitteln dürfen und wollen die Beamten aus Den Haag nicht. Festnahmen und Beschlagnahmungen sind den nationalen Polizeidienststellen vorbehalten. Europol darf die Mitgliedstaaten unterstützen, wenn das Verbrechern mindestens zwei Länder betrifft – und wird nur aktiv, wenn die nationalen Behörden um Hilfe bitten.

Max-Peter Ratzel, der vor rund drei Monaten die Leitung von Europol übernommen hat, wünscht sich nicht, dass die Kompetenzen erweitert werden. Aber er fordert seine Mitarbeiter auf, mehr selbst aktiv zu werden: „Wir müssen häufiger vor Ort gehen, um Daten zur Verfügung zu stellen und zu sammeln.“ Zurzeit unterstützt Europol allein im Anti-Terror-Kampf über 20 laufende Verfahren.

Die Mitarbeit der EU-Mitgliedsstaaten sei in den vergangenen Jahren wesentlich besser geworden, sagt Ratzel. Im Jahr 2004 lieferte Europol ein Drittel mehr Daten über terroristische Verbrechen an Polizeibehörden als 2003.Gleich nach den Anschlägen in London schickte Europol einen Verbindungsmann über den Kanal, der für einen guten Datentransfer von Den Haag nach London sorgt. Besonders groß ist das Interesse der englischen Ermittler an der Analyse-Arbeitsdatei zum islamischen Terrorismus, in der Europol Tausende Datensätze zu Personen und Gruppierungen gespeichert hat.

Ruth Reichstein
Ruth Reichstein
Handelsblatt / Korrespondentin
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