Terror
Britischer Geheimdienst warnt vor Anschlägen

In Großbritannien erhitzt das Thema Integration die Gemüter. In einer Umfrage der „Times“ halten 13 Prozent der 1,8 Millionen Muslime im Land die vier Selbstmordattentäter für „Märtyrer“. Der britische Geheimdienst MI5 sieht warnte indes vor dem Jahrestag der Londoner Terroranschläge vor einer Wiederholungsattacke.

LONDON. Kurz vor dem ersten Jahrestag der Londoner Terroranschläge vom 7. Juli 2005 debattiert Großbritannien über die Integration der muslimischen Bevölkerung. Nach einer Umfrage der „Times“ betrachten 13 Prozent der 1,8 Millionen Muslime im Land die vier Selbstmordattentäter als „Märtyrer“. Sieben Prozent halten Selbstmordangriffe gegen Zivilpersonen für gerechtfertigt. Bei den Anschlägen in drei U-Bahn-Zügen und einem Bus waren vor einem Jahr 52 Menschen getötet und mehr als 700 zum Teil schwer verletzt worden.

Die größte je unter britischen Muslimen durchgeführte Meinungsumfrage zeichnet das Bild einer kleinen, aber signifikanten extremistischen Minderheit. „Sie glauben, dass sie sich im Kriegszustand mit dem Rest der Gesellschaft befinden“, kommentierte der Vorsitzende der britischen Kommission für Rassengleichheit, Trevor Phillips, die Ergebnisse. Die Umfrage zeigt aber auch, dass die radikale Minderheit innerhalb der muslimischen Gemeinschaft isoliert ist. 56 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass die Labourregierung mehr gegen den Terrorismus tun muss – ein größerer Anteil als in der Gesamtbevölkerung.

Presseberichten zufolge hat der Inlandsgeheimdienst MI5 das Geheimdienstkomitee des Unterhauses inzwischen auf das Risiko einer Wiederholungsattacke zum Jahrestag hingewiesen und dabei ausdrücklich auch die Möglichkeit eines Giftgasanschlags genannt. Die Sicherheitsdienste haben für Freitag erhöhte Alarmbereitschaft angeordnet. Tausende zusätzliche Polizisten werden im Einsatz sein. Scotland Yard stellte in den vergangenen Wochen zudem mehrfach die Gefahr einer „schmutzigen Bombe“ heraus. Im Juni kam es in Ostlondon zu Kontroversen, als die Polizei auf der Suche nach einem angeblich einsatzbereiten Sprengsatz ein Wohnviertel absperrte und ein Familienhaus durchsuchte. Dabei wurde ein junger Muslim angeschossen. Die Polizei musste sich später für ihr Vorgehen entschuldigen.

Der Chef der Antiterrorabteilung von Scotland Yard, Peter Clarke, zeichnete auf einer Pressekonferenz jetzt ein düsteres Bild der Sicherheitslage. Seit dem 7. Juli 2005 seien vier Terroranschläge vereitelt worden, mindestens in drei dieser Fälle werde Anklage gegen die Verdächtigen erhoben. Derzeit untersuche die Polizei 70 voneinander unabhängige Fälle und arbeite „am Rande der Kapazitäten“. Die Zahl der Personen, die als potenzielle Terroristen eingestuft würden, sei von 800 vor einem Jahr auf 1 200 gestiegen.

Parallel zum Erscheinen der „Times“-Umfrage warfen britische Muslime der Regierung Blair vor, zu wenig für die nachhaltige Integration ihrer Religionsgruppe zu tun. Von Dutzenden Vorschlägen, die ein nach den Anschlägen gebildetes Gremium muslimischer Meinungsführer ausgearbeitet habe, seien nur ein paar umgesetzt worden. „Was ist aus all den guten Ideen geworden?“, fragte der Labour-Abgeordnete Sadique Khan, einer von vier Muslimen im Unterhaus. Der Parlamentarier bezeichnete die Stimmung in Muslimkreisen als „niedergeschlagen“.

Blair wies diese Vorwürfe am Dienstag vor einem Unterhausausschuss scharf zurück. Es sei Aufgabe moderater Muslimführer, den Extremismus auszulöschen, nicht Aufgabe der Regierung: „Ich bin nicht die richtige Person dafür, Muslimgemeinden zu erklären, dass dieser Extremismus nicht das wahre Gesicht des Islam ist.“ Am Mittwoch schwächte er diese Äußerung im Unterhaus aber ab und sagte, „wir alle müssen hart arbeiten, um den Extremismus mit der Wurzel auszureißen“.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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