Terror im Irak
Vereint in Angst

Die Bilder von Massenexekutionen haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die USA entsenden Eliteeinheiten in den Irak und machen eine erstaunliche Entdeckung: Der Iran hat Angst vor dem Terror. Das könnte die Welt verändern.
  • 11

San FranciscoAm Rande der Nukleargespräche in Wien trafen sich am Montag der zweithöchste Außenpolitiker, William J Burns, und sein iranischer Gegenspieler, um „am Rande“, wie Offizielle in Washington nicht müde werden zu betonen, über die Situation im Irak zu sprechen. Herunterspielen ist das Wort des Tages, weil Unerhörtes passiert. US-Außenminister John Kerry findet in einem Interview, man solle mit Bezug auf Iran nichts „ausschließen, was konstruktiv dazu beiträgt, echte Stabilität zu schaffen.“

Zuvor hatte die Führung in Teheran Bagdad unbedingte Solidarität zugesagt und soll angeblich drei Regimenter der berüchtigten Eliteeinheit Revolutionsgarden nach Irak entsandt haben. Die Bilder von kaltblütigen Massenexekutionen schiitischer Moslems, verbreitet über Twitter und Facebook, haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Die USA ihrerseits entsendet Eliteeinheiten, um US-Bürger und Botschaftsangehörige im Notfall zu schützen. 275 Soldaten werden es sein, die irakische Regierung habe ausdrücklich zugestimmt.

Einen gemeinsamen Waffengang Iran und USA wird es allerdings nicht geben, das ist jedem klar, und auch das Weiße Haus hebt das ausdrücklich hervor. Revolutionsgarden und Marines werden nach 35 Jahren Dauerfeindschaft niemals Schulter an Schulter den Isis-Terror bekämpfen und die irakische Stadt Mossul freischießen. Aber dazwischen gibt es genug Grauzonen, die es erlauben, die Weltpolitik ein Stück weiter zu bringen. Beide Staaten könnten etwa Geheimdienstinformationen austauschen, die amerikanische Luftschläge effektiver machen könnten. Iran könnte mäßigenden Einfluss und Druck auf die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad ausüben, die mit ihrer sturen sunnitisch- und kurdisch-feindlichen Politik nicht unwesentlich zu den Problemen beiträgt.

Selbst der republikanische Senator Lindsey Graham, als außenpolitischer Hardliner, als „Falke“ bekannt, räumt gegenüber dem TV-Sender CNN ein, dass Iran wertvolle Hilfe leisten könne. Man müsse einfach mal sehen. Das provozierte eine heftige Gegenreaktion seines Parteikollegen John McCain, der keinen Millimeter vom klassischen Feindbild abweichen will. Es wäre der „Gipfel der Dummheit“ jetzt mit Iran zusammenzuarbeiten, ließ er in einer Erklärung verbreiten. Er verwies dabei auf die nach seiner Meinung nach klare Historie der Unterstützung des Terrors durch den Iran.

Aber irgendwas muss passieren. Die Konsequenzen eines Sieges der Isis-Terroristen sind allen Beteiligten klar. Es entstünde in Irak und Teilen Syriens eine gigantische und uneinnehmbare Basis und Rückzugsraum für islam-fundamentalistische Kräfte. Eine Terrorschule erster Güte, deren Austauschstudenten nach erfolgreichem Training auch wieder nach Deutschland, Frankreich oder England zurückkehren könnten, um ihre Sicht des Weltfriedens zu verbreiten.

Kommentare zu " Terror im Irak: Vereint in Angst"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • “Jedoch zumindest jeder halbwegs intelligente Mensch empfindet ein ausgeprägtes Angstgefühl vor Ungewissheit und Machtlosigkeit“.

    Und da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Angstgefühl vor Ungewissheit, also nicht wissen um die Position und Stärke des Gegenüber und, sollte diese sich als eine Überlegenen zeigen, Machtlosigkeit vor der Gleichen. Und gerade daher führt eben Selbstbewusstsein, das Wissen um die eigene Stärke und Überlegenheit dem Anderen gegenüber, zu Entschlossenheit und Fehlen von Angst.

  • @MJM1605

    Sorry, Ihnen hat sich offensichtlich des Pudels Kern meiner Aussage nicht erschlossen. Lassen wir einmal dahingestellt, welche Lebewesen tatsächlich Angst verspüren können. Natürlich gehört zum Empfinden von Angst (neben genetisch bedingter) auch Wissen und Erfahrung und, ich gebe Ihnen Recht, auch das Empfinden von Angst ist unterschiedlich. Jedoch zumindest jeder halbwegs intelligente Mensch empfindet ein ausgeprägtes Angstgefühl vor Ungewissheit und Machtlosigkeit. Es ist halt immer die Frage, in welchen Situationen dies einem Menschen auch bewusst wird. O.k. Masochisten mögen ggf. Ungewissheit und Machtlosigkeit sogar genießen. Diese Menschen weichen aber auch etwas von der Norm ab, oder?

  • @petervonbremen. Bin nicht ganz einverstanden. Angst ist ein Gefühl dass aus einer Position der Defensive entsteht. Und zudem fatalerweise auch nicht selten gerade zur falschen Entscheidung führt. Daher kann man bei Angst sogar von Vorahnung sprechen. Sicherlich ist kein Sterblicher frei von diesem Gefühl, es überkommt ihn aber zu gänzlich unterschiedlichen Momenten. In einer Schlacht, Wettbewerb oder was auch immer, ist immer derjenige im Vorteil der eben keine Angst verspürt sondern Entschlossenheit.


Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%