Terror in der Türkei
Wie im Bürgerkrieg

Die Zahlen alarmieren: In der Türkei wurden seit Juli 282 Zivilisten und Beamte durch Terrorangriffe getötet. Ein Konzept der Regierung, die Anschläge einzudämmen, gibt es bislang nicht – nur erste Entlassungen.

IstanbulAm Ende feierten sie, skandierten „Oh Türkiye“ und freuten sich über das eingelöste EM-Ticket: Am Dienstagabend qualifizierte sich die türkische Fußballnationalmannschaft durch einen Sieg gegen Island direkt für die Europameisterschaft 2016. Ein klarer Grund zum Feiern, wenn da nicht die Minuten vor Spielanpfiff gewesen wären.

Als Spieler, Trainer und Fans während einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags von Ankara gedachten, tönte es Buhrufe aus mehreren Ecken des Stadions im erzkonservativen Konya in der Mitte der Türkei. Irgendwann war der Satz „Allahu akbar“ zu hören; ein frommer Gruß zu Beginn jedes islamischen Gebets, aber auch die Parole selbsternannter Gotteskrieger und Islamisten.

Die Nationalspieler, darunter Hakan Calhanoglu von Bayer Leverkusen und Arda Turan vom FC Barcelona mussten zuhören, wie tief gespalten die Türkei angesichts des Terrors ist. Ein Terror, der immer mehr Todesopfer fordert.

Es sind Zahlen, die man sonst nur aus Bürgerkriegsregionen kennt. Durch Terrorattacken sind in der Türkei insgesamt 282 Menschen ums Leben gekommen – und zwar allein in den vergangenen drei Monaten. Das geht aus einer Statistik hervor, die die amtliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu am Mittwochvormittag veröffentlicht hat.

Demnach mussten in den vergangenen 100 Tagen insgesamt 137 Zivilisten durch tödliche Angriffe ihr Leben lassen, darunter sechs Kinder. Auch zwei Ausländer sind unter den Toten: ein Iraner und ein Palästinenser. Darüber hinaus starben im selben Zeitraum durch Anschläge insgesamt 145 Beamte: 65 Polizisten, 78 Soldaten und zwei Dorfwächter. Insgesamt 118 davon waren der Agentur zufolge Beamte im Status eines Offiziers.

Seit dem Sommer erschüttert diese Welle der Gewalt das Land. Seit einem Selbstmordanschlag im südtürkischen Suruc im Juli mit 34 Toten kommt es regelmäßig zu weiteren Terrorattacken. Im August starben vier Menschen, als Unbekannte in der Nähe einer Polizeiwache in Istanbul eine Bombe zündeten. Bei einem Bombenangriff in Igdir im äußersten Osten des Landes wurden zwölf Polizisten getötet.

Vor allem der im Sommer wieder aufgeflammte Konflikt mit der als Terrorgruppe eingestuften PKK sorgt für zahlreiche Todesfälle. 2012 hatte ein mühsam ausgehandelter Friedensprozess zwischen der Regierung und der PKK begonnen, die auf ein autonomes Gebiet für Kurden innerhalb der türkischen und irakischen Staatsgrenzen pocht. Dem insgesamt 40 Jahre langen Kampf dafür sind rund 30.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Seit dem Anschlag von Suruc gilt der Friedensprozess als aufgekündigt. Seitdem berichten türkische Zeitungen beinahe täglich von Gefechten zwischen Sicherheitskräften und Rebellen im Südosten des Landes, in dem mehrheitlich Kurden leben und die PKK mehrere Rückzugsorte hält. Etwa im August, als sich nahe der Stadt Daglica Soldaten und PKK-Rebellen Gefechte liefern; damals starben allein 16 Beamte.

Und dann ist da noch der IS. Die selbsternannten Gotteskämpfer machen sich inoffiziellen Angaben zufolge auch in der Türkei breit und sollen für den jüngsten Anschlag am vergangenen Samstag verantwortlich sein. Dabei starben durch zwei Bomben mindestens 97 Menschen. Im Bericht der Autopsiebehörde in Ankara ist sogar von 102 Leichen die Rede.

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