Terror in Paris
Sieben Tage zwischen Grauen und Nähe

Die Anschläge in Paris haben eine perverse Wirkung: Das Grauen der Gewalt reißt die Mauern zwischen den Menschen ein. Unser Frankreich-Korrespondent erzählt, wie er die Woche nach den Terroranschlägen erlebt hat.

ParisVor einer Woche kam der Schrecken nach Paris. Die Stadt und das Land haben sich verändert in diesen sieben Tagen. Die Lähmung der ersten Tage hat sich gelöst, aber Paris hat sich noch nicht wieder gefunden. Die Stimmung ist völlig anders als nach den Anschlägen im Januar, als fast die ganze Redaktion von Charlie Hebdo ermordet wurde und bereits am Abend die ersten spontanen Proteste auf der Place de la République begonnen. Vor zehn Monaten gab es noch die Gewissheit – besser: Illusion - dass das Leben wieder in seine früheren Bahnen zurückkehren würde. Heute wird den Parisern klar, dass sie sich an eine andere Realität gewöhnen müssen. Aber niemand weiß, wie die aussehen wird.

„Nachdem sie die Zelle in Saint-Denis ausgehoben haben, wird es erst mal weniger hektisch werden – bis zum nächsten Anschlag“, bringt es ein Bistrot-Besitzer aus dem 17. Arrondissement auf den Punkt. Sein Restaurant ist weit entfernt vom Ort der Schießereien im 10. Und 11. Arrondissement, aber auch er hat mit den Folgen zu kämpfen: Viele Pariser wollen nicht mehr ausgehen. Ganz ruhig fügt er hinzu: „Ein Kollege von mir ist ermordet worden, und sein Oberkellner. 15 Jahre lang habe ich sie jeden Tag gesehen, jetzt leben sie nicht mehr.“

Immer noch erfahren Menschen, dass sie entfernte Freunde verloren haben. Man redet darüber, auch mit Leuten, mit denen man sonst nicht über Persönliches spricht. Perverse Wirkung der Anschläge: Das Grauen der Gewalt reißt die Mauern zwischen den Menschen ein, der Kältepanzer, mit dem sich jeder in der Großstadt umgibt, wird brüchig. Feste Verhaltensroutinen ändern sich. In der Metro ist es üblich, dass man sich nicht ansieht. Lange Blicke auf das Gegenüber gelten als Aggression. Doch jetzt blickt man sich plötzlich in die Augen, redet vielleicht sogar mit einander.

In der Linie 2, die von Dauphine, der renommierten Uni nahe des Bois de Boulogne, über die ärmeren Viertel bei Barbès und Belleville bis Nation fährt, geschieht am Dienstag etwas Unerhörtes: Der Fahrer meldet sich über Lautsprecher zu Wort, einer von denen, die sonst nur „bitte blockieren Sie nicht die Türen“ sagen dürfen. „Guten Tag. Es ist nicht leicht, die richtigen Worte zu finden, um die Stimmung aufzuhellen – nach allem, was an diesem Wochenende passiert ist. Ich will nur sagen, ich habe meinen Job noch nie so geliebt, und ich bin froh, dass Sie heute hier sind und ich Sie fahren kann.“

Die Reaktion auf den Terror hat eben mindestens zwei Dimensionen: Man sucht die Nähe zum Mitmenschen, auch wenn man gleichzeitig besorgt ist, was im nächsten Moment geschehen könnte. Der Kopf macht sich selbständig: Wenn jetzt hier jemand anfängt zu schießen, wo kann ich dann hin? Gibt es irgendwelche Fluchtwege? Wäre ich nicht sowieso einfach wie gelähmt?

Auch schlimme Gedanken kommen auf, Gewaltfantasien, der Wunsch, es denen heimzuzahlen. Und spontane Zuneigung zu den Parisern, den Franzosen, die so hart geprüft werden. Ich liebe ihre gemäßigte, zivile Reaktion auf die Bluttaten. Die Sprache der Regierung ist martialisch, aber bei den Bürgern kommt keine Lynch-Stimmung auf. Und sie freuen sich über alle Zeichen der Anteilnahme aus dem Ausland.

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