Terroranschläge
Bombay: Was nach dem blutigen Schock kommt

Der Terrorangriff auf Bombay trifft das Herz des indischen Wirtschaftswunders. Er ist ein direkter, harter Schlag gegen den ökonomischen Unterbau einer aufstrebenden Weltmacht. Die Terroristen haben ihre Ziele mit kalter Logik gewählt.

NEU DELHI. Mit spektakulären Geiselnahmen in den Treffpunkten der Schönen, Reichen, und Mächtigen der Nation erschüttern sie das neu gefundene Selbstvertrauen der indischen Elite - das ist die Logik, die hinter den Anschlägen steckt. Und indem sie erstmals Touristen und Manager aus aller Welt ins Visier nehmen, schaden die Angreifer einem Standort, der sich zu einem kräftigen Magneten für ausländische Direktinvestitionen aufgeschwungen hat.

Indien zählt seit Jahren zu den weltweit größten Opfern des internationalen Terrorismus. Die Leidensfähigkeit seiner Bürger und deren Widerstandskraft gegen Katastrophen aller Art ist legendär. Sie wird der Nation auch bei der Überwindung dieses blutigen Schocks helfen. Doch Narben dürften bleiben. Denn nun ist Indien mit einer neuen Dimension der Bedrohung konfrontiert: Die Kommandoaktion war tollkühn, extrem gut vorbereitet, und sie wurde kaltblütig ausgeführt.

Einer schwer bewaffneten Stadtguerrilla gleich, gewannen die Angreifer stundenlang Kontrolle über den nach Delhis Regierungsviertel am besten geschützten Flecken Indiens. Sie mordeten und brandschatzten in Sichtweite des wichtigsten Flottenstützpunkts, in unmittelbarer Nähe der Zentralbank und der Hauptquartiere lokaler und westlicher Großkonzerne.

Indiens wirtschaftliche Fundamentaldaten sind zu solide, um davon auf Dauer beschädigt zu werden. Sein Binnenmarkt, seine rasant wachsende Mittelschicht, seine billigen Fachkräfte bleiben für Firmen heute so attraktiv wie gestern. Manager werden zwar die Sicherheitsvorkehrungen für ihre indischen Büros und Fabriken verschärfen. Langfristige Investitionsentscheidungen dürften sie kaum über Nacht in Frage stellen. Bedingung dafür ist allerdings, dass Indiens politische Elite auf den Weckruf nicht mit der selben Mischung aus Ratlosigkeit und Apathie reagiert wie auf eine Serie zurückliegender Anschläge. Eine zweite, vergleichbare Kommandoaktion, bei der Selbstmordattentäter die Stützpunkte von Microsoft, IBM, SAP oder Siemens verwüsten, hätte schwere Folgen für das Investorenvertrauen.

Seine Größe, seine Menschenmassen, seine Armut, seine offenen Grenzen, seine instabilen Nachbarn und seine komplexe ethnische und religiöse Mischung machen Indien seit jeher zu einem besonders weichen Ziel für Terroristen aller Couleur. Doch hinter diesem Argument kann sich die Regierung nicht länger verstecken.

Auch routinemäßige Aufschreie verfangen nicht länger, mit der Politiker die Schuld für Anschläge auf den pakistanischen Nachbarn abwälzt. Indien hat ein massives, hausgemachtes Terrorproblem. Dagegen findet es bislang kein Rezept. Auf der operativen Ebene von Polizei und Geheimdiensten hinkt es weltweiten Standards der Terrorbekämpfung hinterher. Zugleich unternimmt das Land wenig gegen die sozialen Wurzeln des Übels.

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