Terroranschlag in Istanbul: Niemand kann sich sicher fühlen

Terroranschlag in Istanbul
Niemand kann sich sicher fühlen

75 Minuten dauerte es, bis 2017 für die Türken zum Alptraum wurde. Ein massives Polizeiaufgebot konnte den Angriff auf den Club Reina nicht verhindern. Dutzende Menschen starben – die meisten von ihnen waren Ausländer.
  • 0

IstanbulDas neue Jahr beginnt in der Türkei so bitter, wie das alte geendet hat: Mit Terror – und mit Toten. Hunderte Menschen sind im Istanbuler Club „Reina“ zusammengekommen, um 2017 zu begrüßen. Der Nachtclub im schicken Ausgehviertel Ortaköy ist einer der größten und berühmtesten in der Millionenmetropole, er liegt am europäischen Bosporus-Ufer – mit spektakulärem Blick aufs Lichtermeer der asiatischen Seite Istanbuls.

Ein toller Ort, um Silvester zu feiern. Doch gegen 01.15 Uhr wird aus der Party ein Blutbad. Mindestens ein Angreifer dringt in die Disco ein und schießt auf die Feiernden. 39 Menschen starben. Wie die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu am Sonntagabend berichtete, handelt es sich bei den Toten um 25 Männer und 14 Frauen. Von den 35 identifizierten Todesopfern sind demnach 11 türkische Staatsangehörige, die anderen 24 Ausländer verschiedener Nationalitäten. Vier sind noch nicht identifiziert.

Die türkische Regierung spricht von einem einzelnen Terroristen. Die Nachrichtenagentur DHA berichtet dagegen von zwei Angreifern. Anfangs hieß es, sie hätten Weihnachtskostüme getragen. Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim dementierte allerdings Berichte, wonach der Angreifer von Istanbul ein Weihnachtsmannkostüm getragen haben soll. Solche Aussagen seien falsch, sagte Yildirim am Sonntag in Istanbul. „Wir wissen von einem bewaffneten Terroristen.“

Nicht nur gelingt es den Sicherheitskräften trotz massiver Präsenz – 17.000 Polizisten waren am Samstag in Istanbul im Einsatz – nicht, den Anschlag in der Silvesternacht zu verhindern. Auch mindestens ein Angreifer entkommt und läuft am Neujahrstag womöglich unerkannt und bewaffnet durch Istanbul.

Niemand ist sicher - nirgendwo

Die Beteuerungen nach dem Blutbad gleichen denen der vergangenen Wochen und Monate: Der Kampf gegen den Terrorismus werde entschlossen fortgeführt, kündigt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ein weiteres Mal an. Die Türkei werde alles Nötige tun, um „die Sicherheit und den Frieden ihrer Bürger zu gewährleisten“.

Doch die jüngsten Anschläge deuten eher darauf hin, dass sich niemand mehr wirklich sicher fühlen kann – nirgendwo. Vor drei Wochen sprengen sich Terroristen der TAK, einer Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, nach einem Fußballspiel im Zentrum Istanbuls in die Luft. Eine Woche später schlägt die TAK in der verschlafenen zentralanatolischen Stadt Kayseri zu.

Kurz danach wird der russische Botschafter in der Hauptstadt Ankara bei einer Foto-Ausstellung erschossen – von einem Polizisten, den die Regierung für einen Gülen-Anhänger hält. Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen ist in der Türkei als Terrororganisation eingestuft, Erdogan macht sie für den Putschversuch Mitte Juli verantwortlich, der nach offiziellen Angaben 246 Todesopfer forderte.

Bald jährt sich der Anschlag in der Istanbuler Altstadt, bei dem zwölf deutsche Touristen mutmaßlich von einem Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ermordet worden. Im März sprengt sich wieder ein mutmaßlicher IS-Attentäter auf der zentralen Einkaufsmeile Istiklal Caddesi in die Luft, israelische Urlauber sterben.

Im Februar und März schlägt die TAK in Ankara zu, Dutzende Menschen werden ermordet. Im Juni greift ein Selbstmordkommando den Istanbuler Atatürk-Flughafen an – die Regierung beschuldigt den IS. Und all das ist nur eine Auswahl der Anschläge im Jahr 2016.

Kommentare zu " Terroranschlag in Istanbul: Niemand kann sich sicher fühlen"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%