Terrorexperte Matthew Olsen
„Die anti-islamische Rhetorik ist verwerflich“

Matthew Olsen war oberster Terrorbekämpfer der USA. Im Interview spricht er über Sicherheitslücken in Europa, Edward Snowden, den Schandfleck Guantanamo – und die richtige Strategie im Kampf gegen den IS.

Matthew Olsen ist 53 Jahre alt. Der Kampf gegen Terroristen ist längst sein Lebensmittelpunkt geworden. Bis Sommer 2014 war Olsen oberster Terrorbekämpfer der USA. Als Direktor des National Counterterrorism Center koordinierte er die Zusammenarbeit zwischen Geheimdiensten wie CIA und NSA, dem Pentagon und der Bundespolizei FBI. Im Interview mit dem Handelsblatt spricht Olsen über Sicherheitslücken in Europa, Edward Snowden, den Schandfleck Guantanamo und die richtige Strategie im Kampf gegen den Islamischen Staat.

Der Terrorangriff auf Paris war kaum vorüber, da forderten Geheimdienst-Veteranen schon die Rücknahme der Datenschutzreformen, die nach den NSA-Enthüllungen beschlossen wurden. Politik nach dem Motto „Lass keine Krise ungenutzt“?

Was in Paris geschehen ist und was wir überall im Nahen Osten sowie in Europa sehen, ist Ausdruck einer Veränderung der terroristischen Bedrohung. Diese Veränderung ist vor allem mit dem Aufstieg des Islamischen Staats verbunden. Das erfordert eine Neujustierung der Balance zwischen Freiheit und Datenschutz einerseits und Sicherheit und Informationsgewinnung andererseits. Wir müssen uns ständig anpassen, weil wir es mit einer sehr dynamischen Bedrohungslage zu tun haben. Dabei müssen wir uns fragen, wieviel Zugriffsrechte wir unseren Regierungen einräumen wollen, um Gefahren zu erkennen, bevor sie sich zu Terrorplänen auswachsen.

Wie stehen Sie zu Edward Snowden? In Europa wird er als Held gefeiert, die US-Regierung sieht ihn als Verräter.

Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass das Datenleck bei der NSA unsere Sicherheit verringert hat. Diese Ansicht teilen alle im amerikanischen Geheimdienstbetrieb. Die Dokumente haben Terroristen eine Anleitung an die Hand gegeben, wie sie sich der Überwachung durch die USA und unsere Bündnispartner in Europa entziehen können. Natürlich haben Terroristen schon immer versucht, ihre Spuren zu verwischen. Aber die Snowden-Enthüllungen haben die Quellen und Methoden unserer Aufklärungsarbeit offengelegt. Es ist keine Frage, dass raffinierte Gruppen wie der IS die Zeitungsberichte über die Überwachungsprogramme gelesen und ihre Kommunikation entsprechend angepasst haben.

Wie können Sie sich da so sicher sein?

Wir haben im Kampfgebiet erst kürzlich ein IS-Dokument sichergestellt, ein mehr als 30 Seiten langer, sehr detaillierter Leitfaden zur Verschlüsselung von Kommunikation. Eine Art Gewusst-Wie. Welche Apps benutzet werden müssen, und wie diese zu bedienen sind.

Die IT-Konzerne im Silicon Valley versuchen, ihr durch die NSA-Affäre ramponiertes Image mit neuen, angeblich abhörsicheren Kommunikationsangeboten wiederherzustellen.

Die neuen Verschlüsselungstechnologien sind eine große Herausforderung. Sie werden von der überwältigenden Mehrheit rechtschaffender Bürger, die ein legitimes Interesse an Datensicherheit haben, sehr geschätzt. Gleichzeitig hat der FBI-Direktor darauf hingewiesen, dass diese Technologien auch von IS-Terroristen genutzt werden. Auch hier geht es darum, die richtige Balance zu finden. Wir müssen das Gespräch mit den Unternehmen im Silicon Valley suchen. Das Ziel muss sein, Möglichkeiten zu finden, Zugang zu Daten zu erhalten, wenn ein Gericht auf Grundlage eines konkreten Verdachts eine Durchsuchung anordnet.

Die NSA-Affäre hat nicht nur die Massenüberwachung von Internetnutzern ans Licht gebracht, sondern auch die gezielte Bespitzelung deutscher Politiker, darunter Kanzlerin Angela Merkel. Fürchten Sie, dass der Vertrauensverlust nun die transatlantische Zusammenarbeit behindert?

Wir brauchen eine enge Sicherheitskooperation, gerade jetzt. Mein Eindruck ist, dass die Affäre sich zwar negativ auf die transatlantischen Beziehungen ausgewirkt hat, der Schaden aber repariert werden konnte. Unsere Beziehungen waren immer stark und das sind sie auch jetzt – trotz der Enthüllungen.

Was kann, was muss Europa tun, um künftig besser vorbereitet zu sein?

Was jetzt ganz entscheidend ist: Die Europäer müssen ihre nationalen Geheimdiensterkenntnisse auf effizientere Weise teilen. Als Geheimdienstkoordinator habe ich viel Zeit damit verbracht, sicherzustellen, dass die vielen unterschiedlichen Sicherheitsbehörden der USA ihre Informationen über Gefahren in Echtzeit ausgetauscht haben. Vor allem: Die Identitäten von Personen, die von und nach Syrien reisen. Unabhängig von der Nationalität des Betreffenden, sollten die Europäer alle Erkenntnisse austauschen. Deutsche Behörden müssen wissen, wenn ein Franzose nach Syrien reist, damit sie ihn identifizieren können, wenn er an anderer Stelle in Europa wieder auftaucht.

Die USA als Vorbild?
Nach den Anschlägen vom 11. September haben wir neben dem Informationsaustausch auch unsere Grenzkontrollen verbessert. Wir haben Erkenntnisse über Personen im Ausland gesammelt, die Angriffe planten, und diese sehr schnell zwischen FBI, CIA und NSA ausgetauscht. So ist es uns gelungen, die Informationskluft zwischen der Polizei und den Nachrichtendiensten zu überwinden und eine integrierte Sicherheitsgemeinschaft geschaffen. Ich weiß, dass dies in der EU wegen der Souveränität der Mitgliedsstaaten kompliziert ist. Aber das ist eine zentrale Lektion, sie hat uns sicherer gemacht.

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„Der IS entwickelt Reichweite“

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