Terrornetzwerk
Al-Kaida twittert

Der Kurznachrichtendienst Twitter erlaubt Fans den direkten Zugang zu ihren Idolen. Diese Tatsache wird jetzt ins Absurde geführt: Die Terrororganisation Al-Kaida ist nun auch mit einem eigenem Twitterprofil am Start.
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ParisEs geht um Themen wie soziale Missstände, Arbeitslosigkeit und Unterdrückung. Themen, die viele bewegen und mit denen neue Anhänger gewonnen werden sollen. Die Al-Kaida im Islamischen Maghreb – kurz AQIM – holt ihren Kampf zumindest ein Stück weit von den Schlachtfeldern und spricht mittlerweile über Twitter vermehrt jene Sorgen und Nöte an, die schon während des Arabischen Frühlings zu Revolutionen geführt haben.

„Das ist unser einziger Weg, mit der internationalen Öffentlichkeit zu kommunizieren, seit wir nach dem Sprachgebrauch der Amerikaner und ihrer Agenten in der Region als Terroristen gelten“, erklärte AQIMs Medien-Organisation, die Al-Andalus-Medien-Stiftung, vergangene Woche in einer ungewöhnlichen Frage-und-Antwort-Runde auf Twitter zur Begründung für die Internet-Offensive.

Der nordafrikanische Al-Kaida-Arm – bislang bekannt für Massenentführungen in Mali und tödliche Terrorangriffe in seinem Herkunftsland Algerien – hat offenbar keine Probleme, Gehör auf Twitter zu finden. In den ersten beiden Wochen nach dem Start des Accounts am 28. März gewann man mehr als 5000 Follower.

„Wir brauchen Spezialisten auf den Gebieten Medizin, Chemie, Elektronik, Waffenbau und neue Medien“, hieß es in der Frage-Antwort-Runde, „außerdem andere Fähigkeiten in den Bereichen Wissenschaft und Management – aber zuallererst muss die Kenntnis der Scharia vorhanden sein.“

AQIM entstand 2006, war ein Sammelbecken für radikale Aufständische in Algerien und breitete sich von dort über die Sahara aus. Im vergangenen Jahr erlangte AQIM zusammen mit zwei anderen radikalen Gruppen die Herrschaft über Nord-Mali und ging dort mit brutaler Gewalt gegen alle vor, die der radikalen Interpretation des islamischen Rechts nicht folgen wollten. Am 11. Januar startete unter der Führung der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich eine Gegenoffensive, die radikale Führer und Kämpfer zum Rückzug zwang.

In Statements und Tweets auf Arabisch und in holprigem Englisch wurde gegen die „Kreuzritter aus Frankreich“ und Präsident François Hollande, der die Militäraktion anordnete, vom Leder gezogen. Am ersten Tag auf Twitter verbreitete der AQIM-Medien-Arm ein Statement, das den Tod der französischen Geisel Philippe Verdon verkündete – was bislang noch nicht von Frankreich bestätigt wurde. Verbunden war die Ankündigung mit der Warnung, dass weitere Geiseln getötet werden könnten, wenn die 4000 französischen Soldaten nicht abgezogen würden. Derzeit hält AQIM fünf Franzosen in seiner Gewalt.

Dass die Social-Media-Offensive etwas mit dem militärischen Rückzug zu tun habe, wies AQIM entschieden zurück. Zumindest der zeitliche Zusammenhang zwischen massiven Verlusten bei Kämpfern und Territorium und der Entdeckung des Internets ist jedoch nicht von der Hand zu weisen.

Einen Schwerpunkt seiner Propaganda-Kampagne legt AQIM nach wie vor auf sein Herkunftsland Algerien. Vergangene Woche etwa veröffentlichte man eine Erklärung, die eher wie die Äußerung einer Oppositionspartei als die einer Terrorgruppe klang. Mit Blick auf die Präsidentenwahl im kommenden Jahr wurde da Amtsinhaber Abdelaziz Bouteflika scharf kritisiert und „das verloren gegangene Vertrauen der armen Bevölkerung“ beklagt, die Not leide. Zudem wurden fehlende Meinungsfreiheit und der Mangel an stabilen Internetzugängen moniert.

„Das sind die direkten Folgen des Arabischen Frühlings“, sagt Jean-Paul Rouiller, Direktor des Genfer Zentrums für Terrorismusanalyse, über die Medienkampagne von AQIM. „Sie sind weniger gewalttätig in dem, was sie schreiben. Stattdessen geben sie sich sozialer, versuchen einen Bezug herzustellen zu den Problemen der Menschen, besonders in Algerien.“

Der Arabische Frühling hat 2011 zur Absetzung zahlreicher Autokraten in der arabischen Welt geführt. An Algerien ging er vorbei. Die Menschen dort suchten Ruhe nach einer langen Zeit des Schreckens und der Gewalt mit geschätzt 200 000 Todesopfern.

In den algerischen Nachbarländern Tunesien und Libyen ist die Situation heute noch immer instabil. AQIM scheine zu denken, dass man die Situation noch etwas anheizen könne, sagt Rouiller. Und dann wolle die Organisation „Teil einer zweiten Welle“ sein.

Rouiller und andere Experten bezweifeln, dass Twitter das Hauptrekrutierungs-Tool von AQIM wird. Aber der Zulauf des Accounts zeige, dass es da ein Vakuum gegeben habe. „Wir sprechen hier nicht von Rihanna“, sagt Rouiller. Die Zahl der Follower „sagt uns eine Menge über den Einfluss. Da tut sich gerade etwas.“

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

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  • Richtig doll, sie zwitschern über die "demokratische" Infrastruktur. Wer da wohl das Sagen hat oder nutzen diese Idioten anderen Idioten einfach nur die Macht zu erhalten. Darf das auch mal nachgefragt werden oder wird man schon der Frage eingetütet?

    Wir werden sehen, wo das alles hinführt und keiner hat natürlich einen blassen Schimmer, wie das wiederum geschehen konnte. Oh Gott, laß über soviel Schwachsinn einen richtigen Aderlaß kommen, damit denen geholfen wird. Hier wird die Struktur des "social networks" konterkariert und wahrscheinlich noch gestutzt.

  • Genau weil manchmal Deutschland mit Nazis gleichgesetzt wird, ist es höchst unklug, den Unsinn an anderer Stelle z.B. mit einer impliziten Gleichsetzung von Islam und Terror zu wiederholen und vielleicht gar seinen Frust über ersteres auf diese Weise an Schwächeren/Minderheiten abzureagieren.

    Ich bin nicht gegen das Kreuz finde es nur abwegig, das Symbol zu verehren, statt das wofür es steht. Auch finde ich die machtpolitisch-ideologische Vereinnahmung des Christentums und seinen Hang zur Angstmache (Höllenunnsin) falsch. Reinen Herzens gelebt, ist es eine frohe Botschaft, kann sehr gut für sich selbst stehen und braucht keine Stütze durch den Staat.

  • @ Buerg-r

    Sie werden doch permanent in Deutschland mit Nazis in verbindung genannt werden. Im Moment läuft in Deutschland wieder von wem auch immer wieder inziniert eine große
    Nazi- Aufmerksamkeit und alle duken sich wieder weg.
    Lassen sie auch das Kreuz weg, es wird schon genug verachtet und 1,2 Milliarden Christen haben nichts mit Nazis zu tun. Wenn sie weiter gegen das Kreuz sind, treten sie den Grünen bei,dort kann es scheinbar sogar in öffentlicher Rede verunglimpft werden. Mal sehen ob
    die Kirchenfürsten sich mal gegen die Anfänge wehren.

    Gruß G.S

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