Tiananmen-Massaker
Der 4. Juni – kein Tag wie jeder andere

Zwei Jahrzehnte nach dem gewaltsamen Ende der Demokratiebewegung in China weigert sich Peking, die Ereignisse aufzuarbeiten Der 4. Juni – kein Tag wie jeder andere.

PEKING. Was ist ein öffentlicher Platz? In Peking nicht unbedingt ein Ort für die Öffentlichkeit. Der Platz des Himmlischen Friedens der Raum für bis zu eine Million Menschen bietet, ist an diesem Tag zumindest für die Massen nicht ohne weiteres zugänglich. „Pass bitte!“, heißt es an jedem Zugang. Und Polizisten filzen Fototaschen, Tüten und Rucksäcke. „Zurück, zurück!“ – ein Sicherheitsmann mit weißen Handschuhen schickt immer wieder Besucher weg. Ein Chinese, in dessen Tasche beschriebene Zettel auftauchen, muss umkehren. Auch ein Jugendlicher, der seinen Ausweis vergessen hat, darf nicht passieren. Die meisten Besucher reagieren irritiert, denn offiziell ist der 4. Juni in China ein Tag wie jeder andere. Oder doch nicht?

Es sei schon ein spezieller Tag, sagt ein Wachmann freundlich – und prüft den ausländischen Pass mit dem Journalistenvisum schon seit Minuten akribisch. Also ist der 4. Juni eine Art Feiertag? „Nein“, lautet die Antwort nun etwas barsch, „ein spezieller Tag eben!“ Immer neue Sicherheitskräfte tauchen auf, in zivil. Ein Mann in Jogginghose spricht eifrig in sein Funkgerät, ein Herr mit Sonnenschirm filmt die Szene fürs Archiv. Und auch die zwei jungen Chinesinnen, die eben noch lächelten, fummeln plötzlich Walkie-Talkies aus der Tasche. „Future“ steht auf einem T-Shirt.

Vor zwei Jahrzehnte hatten vor allem junge Chinesen eine ganz andere Zukunft vor Augen: mehr Freiheit, mehr Rechte. Auf dem Tiananmen machten sie gegen die Machthaber mobil. Die aber ließen Panzer rollen – und beendeten die Demokratiebewegung am 4. Juni 1989 gewaltsam. Zum 20. Jahrestag scheint der Platz des Himmlischen Friedens denn auch vor allem voller Sicherheitskräfte zu sein.

Trotz verordneter Normalität – für China ist der 4. Juni ein heikler Tag. Bis heute verweigert die Regierung eine Aufarbeitung der Ereignisse, ist die wahre Zahl der Opfer ein Staatsgeheimnis. So viel Schweigen belastet die Nerven. In ganz Peking sind seit Tagen die Sicherheitsvorkehrungen drastisch verschärft. Foto- und Filmaufnahmen auf dem Tiananmen sind nur unter erschwerten Bedingungen möglich. In der ganzen Stadt patroullieren Freiwillige mit roten Armbinden und Polizisten in Sonderfahrzeugen. Dissidenten werden noch stärker überwacht, dürfen teilweise ihre Wohnungen nicht verlassen. Und der Zugang zu sonst in China zugänglichen Internet-Seiten wie Twitter und Hotmail ist blockiert. China, ohnehin für seine Internet-Zensur bekannt, habe noch nie zuvor so viele Portale zur selben Zeit gesperrt, sagt Jeremy Goldkorn, Betreiber eines Medien-Blogs in China. Auch Fernsehbeiträge zum Tiananmen-Jahrestag werden seit Tagen von der Zensur geschwärzt. „Chinas Regierung will auf keinen Fall Unruhe“, sagt Goldkorn. Und darum hat auch keines der staatlichen Medien den Jahrestag erwähnt. Einem Aufruf von Exil-Dissidenten, am 4. Juni als Zeichen der Trauer weiße Kleidung zu tragen, folgte gestern kaum jemand. Regierungskritiker wurden zum Jahrestag aus der Stadt geschafft. Der frühere Reform-Politiker Bao Tong wurde nach eigenen Angaben zum Zwangsurlaub in die Provinz Anhui gebracht. Selbst Hongkong, wo sonst freie Meinungsäußerung garantiert ist, hat Studentenführern von 1989 die Einreise zu Gedenkfeiern verweigert. Peking lässt auch hier seinen Einfluss spüren.

Offiziell ignoriert Chinas Führung den Jahrestag der blutigen Ereignisse. Auf die Äußerung von US-Außenministerin Hillary Clinton, China müsse Menschenrechten und Demokratisierung „die gleiche Priorität geben wie den Wirtschaftsreformen“ und seine Vergangenheit aufarbeiten, reagierte Peking sauer. Dies sei eine „unbegründete Anklage gegen die Regierung“, wetterte Außenamtssprecher Qin Gang. Über die Ereignisse von 1989 gebe es eine Einschätzung seitens der KP und der Regierung.

Das gilt, für immer. Auch auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Dort rollen am gestrigen 4. Juni in der drückenden Hitze unentwegt Polizeifahrzeuge, marschierte Soldaten auf und ab. Nach langer Pass-Prüfung am Eingang dann die Auskunft: „Ausländische Reporter brauchen eine Sondergenehmigung.“ Also auf zum „Verwaltungsbüro für den Platz des Himmlischen Friedens“, der zuständigen Behörde, in einer nahen Nebenstraße. Doch der Wachmann dort zuckt hilflos mit den Schultern: „Hier ist jetzt Mittagspause, kommen sie in zwei Stunden wieder.“ Der 4. Juni, ein Tag wie jeder andere? Auf dem Tiananmen noch lange nicht.

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