„Tiefe Einschnitte“
Italien kämpft mit Rekordarbeitslosigkeit

Die Arbeitslosenquote in Italien längst nicht so hoch wie in anderen Euro-Krisenländern. Trotzdem leidet die Bevölkerung, Hunderttausende Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Die Maßnahmen der Regierung versanden.
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RomEin Studienabschluss, ein Job bei einer internationalen Telekommunikationsfirma und ein gutes Einkommen - vor einem Jahr ging es der 42-jährigen Francesca aus Rom gut, sie war zufrieden. Doch binnen weniger Monate hat sich für sie alles verändert: Ihre Firma schloss den Standort in Italien, Francesca verlor ihren Job und sucht seitdem verzweifelt nach einer Anstellung. Wie ihr geht es vielen ihrer Landsleute, denn der italienische Arbeitsmarkt ist gebeutelt durch die tiefe Rezession des Landes.

„Von 2008 bis 2012 sind mehr als 500 000 Stellen verloren gegangen“, erläuterte Arbeitsminister Enrico Giovannini der Deutschen Presse-Agentur. Italien steckt in der schlimmsten Rezession der Nachkriegszeit - und das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. Tausende Firmen müssen schließen, Hunderttausende Menschen verlieren ihre Arbeit.

Die Arbeitslosenquote liegt mit 12,1 Prozent im Juni zwar um 0,1 Prozentpunkte niedriger als im Mai, aber immer noch nah an dem Rekordstand von 12,2 Prozent. „Fünf Jahre Krise mit der herben Beschleunigung 2012 haben tiefe Einschnitte in der Gesellschaft hinterlassen“, sagt Luigi Sbarra von der Gewerkschaft CSIL. „Weniger Firmen, weniger Investitionen, weniger Beschäftigte.“

Besonders schlimm trifft es - wie in vielen Krisenländern - die junge Generation. 39,1 Prozent der Italiener unter 25 Jahren sind ohne Arbeit. Viele Unternehmen reagierten auf die Krise, indem sie befristete Verträge nicht verlängerten, erklärt Sbarra. Davon seien dann vor allem die Berufseinsteiger betroffen. „Die Jungen und die Frauen sind sicherlich die Gruppen, die die Auswirkungen der Krise sofort zu spüren bekommen haben“, sagt Giovannini.

Viele gut ausgebildete Menschen fliehen deshalb ins Ausland. 2012 verließen nach einer Statistik des Innenministeriums 35 435 Italiener zwischen 20 und 40 Jahren ihr Land, gut 28 Prozent mehr als im Vorjahr. Die meisten von ihnen gingen nach Deutschland. Bis zu 25 Milliarden Euro verliert Italien momentan jedes Jahr durch die Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte, schätzt Arbeitsminister Giovannini. Auch Francesca hat über diese Alternative nachgedacht. „Wenn ich hier nichts finde, kann ich das nicht ausschließen“, sagt sie.

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Das „kritische Alter“ wird vernachlässigt

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