Tiefe Einschnitte
Noch ist die Türkei Rentnerparadies

Die Türkinnen und Türken werden in Zukunft länger arbeiten und sich zugleich auf niedrigere Renten einstellen müssen: Die türkischen Pensionsfonds stecken tief in den roten Zahlen. Durch harte Reformen hofft die Regierung den drohenden Zusammenbruch der Rentenkassen abwenden zu können.

ISTANBUL. Noch vor dem Jahresende soll das Parlament in Ankara die seit Jahren diskutierte, aber immer wieder aufgeschobene Reform der Sozialversicherung beschließen. Damit hofft die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan den drohenden Zusammenbruch der Rentenkassen abwenden zu können.

Die staatlichen türkischen Pensionsfonds rutschen immer tiefer in die roten Zahlen. 2006 erreichte der Fehlbetrag umgerechnet 10,2 Mrd. Euro, im nächsten Jahr werden es voraussichtlich bereits 16,8 Mrd. sein. Das Defizit entspricht mittlerweile fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bleibt es bei den bisherigen Strukturen, wird der Fehlbetrag bis 2050 das Zweieinhalbfache des BIP überschreiten. „Das System ist in seiner gegenwärtigen Form nicht länger aufrecht zu erhalten“, sagt Birol Aydemir, Vorsitzender der staatlichen Sozialversicherungsbehörde SGK. Der IWF drängt die Türkei seit Jahren zu einer Reform der Sozialversicherung. Ohne sie ist eine nachhaltige Konsolidierung der Staatsfinanzen nicht denkbar.

Dass die türkischen Rentenfinanzen in einem derart desolaten Zustand sind, überrascht auf den ersten Blick. Schließlich hat das Land eine beneidenswerte Bevölkerungsstruktur: Das Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren, gegenüber 43 in Deutschland. 93 Prozent der Türken sind unter 65. Damit ist die Türkei das „jüngste“ Land Europas. In der Rentenversicherung ergibt sich aber ein ganz anderes Bild: Da müssen 1,8 Beitragszahler für einen Rentner aufkommen.

Die Misere hat mehrere Gründe: viele Türken zahlen überhaupt keine Rentenversicherungsbeiträge, weil sie schwarz arbeiten. Fachleute schätzen, dass den Pensionskassen dadurch die Hälfte der Einnahmen entgeht. Überdies wird mit den Geldern, die die Fonds einkassieren, oft schlecht gewirtschaftet. Das größte Problem ist aber: die meisten Türken gehen viel zu früh in Rente. Schuld daran ist vor allem der konservative Altpolitiker Süleyman Demirel. Der Populist setzte 1992 das Rentenalter für Frauen auf 38 und für Männer auf 42 Jahre herunter. Schon bald schlugen die Fachleute Alarm. 1999 erhöhte der damalige Premier Bülent Ecevit das Rentenalter auf 58 für Frauen und 60 für Männer. Jetzt soll es auf einheitlich 65 Jahre steigen. Schon Anfang des Jahres versuchte Ministerpräsident Erdogan diese Regelung durchzusetzen. Er scheiterte aber am Veto des seinerzeitigen Staatspräsidenten Ahmet Necdet Sezer. Der verwies auf die statistische Lebenserwartung der Türken von nur 66 Jahren und argumentierte, es sei ungerecht, die Menschen bis ein Jahr vor ihrem statistischen Tod arbeiten zu lassen.

Das Argument ist allerdings unsinnig. Denn die niedrige statistische Lebenserwartung geht vor allem auf die hohe Kindersterblichkeit zurück. Die meisten Türken sterben also keineswegs mit 66. Tatsächlich ist das Land ein Rentnerparadies: im Durchschnitt verbringen die Türken 29 Jahre ihres Lebens im Ruhestand. Die Europäer hingegen genießen die Früchte ihres Arbeitslebens im Mittel nur 16 Jahre lang. Überdies kassieren die türkischen Pensionäre im Schnitt 103 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens als Rente, gegenüber 68 Prozent im europäischen Durchschnitt. Die neuen Regelungen, deren Kernpunkte eine längere Lebensarbeitszeit, niedrigere Renten und eine effizientere Organisation der Versicherungskassen sind, sollen ab Mai 2008 schrittweise in Kraft treten.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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