Tim Barrow
Der neue Brite in Brüssel

Großbritanniens Premierministerin Theresa May setzt bei der Wahl des künftigen EU-Botschafters auf einen erfahrenen Diplomaten: Tim Barrow. Lautstarke Forderungen der Brexit-Befürworter auf der Insel hat May ignoriert.
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Theresa May hat schnell einen Strich unter den überraschenden Abschied ihres Brüsseler Chefdiplomaten gezogen, der ihre Austrittsstrategie aus der Europäischen Union planlos und chaotisch aussehen ließ: Großbritanniens Premierministerin hat einen Tag nach dem Rücktritt von Ivan Rogers einen Nachfolger ernannt und dabei lautstarke Forderungen der Brexit-Befürworter, einen aus ihrem Lager zu wählen, ignoriert.

May hat sich für Tim Barrow entschieden, einen Berufsdiplomaten. Der 52-Jährige war einige Jahre britischer Botschafter in Moskau und hat zuvor auch schon in Brüssel gearbeitet. Zuletzt war er politischer Direktor im britischen Außenministerium.

Ivan Rogers hatte sich vorzeitig aus dem Amt des EU-Botschafters verabschiedet. In seinem Rücktrittsbrief hatte er massive Kritik an Mays Regierung durchscheinen lassen. Er trug seinen Mitarbeitern auf, sie sollten weiterhin „schlecht begründete Standpunkte und wirres Denken” aus London entlarven und auch künftig den Regierenden die Wahrheit sagen.

Er machte in seinem Brief auch deutlich, dass derzeit offenbar noch völlig unklar ist, was genau sich die britische Regierung unter einem Brexit vorstellt und wie die künftigen Beziehungen zwischen London und Brüssel aussehen sollen. Auch andere Politiker haben May bereits Planlosigkeit vorgeworfen, weil sie bisher keine Details ihrer Brexit-Strategie öffentlich machte. Das hat sie für für Anfang dieses Jahres in Aussicht gestellt, bisher aber noch keinen Termin dafür genannt. Die offiziellen Scheidungsgespräche mit der EU will die Premierministerin bis Ende März auf den Weg bringen.

Ivan Rogers hat sich mit seiner Art, bei den anstehenden Brexit-Verhandlungen eher auf Hürden und Probleme hinzuweisen, viel Kritik eingehandelt. Das hat ihn offenbar dazu gebracht, seinen Posten in Brüssel eher als geplant aufzugeben. Denn vor allem britische EU-Gegner haben ihn als „obersten Bedenkenträger“ angesehen und als jemanden, der Nachteile, aber keine Chancen im Austritt Großbritanniens aus der Staatengemeinschaft sieht.

Rogers hatte Ende vergangenen Jahres Medienberichten zufolge gewarnt, dass die Brexit-Gespräche zehn Jahre dauern könnten. Und selbst dann könne ein Abkommen noch an der Ratifizierung in einem der nationalen Parlamente scheitern. Brexit-Befürworter haben sich daher dafür stark gemacht, Rogers durch jemanden zu ersetzen, der mit mehr Begeisterung für ihre Sache eintritt und dem EU-Establishment nicht so nahe steht.

Mays Entscheidung für einen Berufsdiplomaten als Nachfolger gilt als Vertrauensbeweis in den Beamtenapparat. Es zeigt auch, dass die Premierministerin bei wichtigen Personalentscheidungen eher von Pragmatismus als von Ideologie geleitet wird.

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