Timoschenko und die EM
Wie sich die Ukraine ins Abseits befördert

In knapp zwei Monaten startet in der Ukraine die Fußball-Europameisterschaft. Doch vor dem Turnier gerät das Land immer stärker in die Kritik. Und das nicht nur wegen der Haftbedingungen von Julia Timoschenko.
  • 11

Kiew/BerlinAuf dem Chreschtschatyk-Boulevard, Kiews zentraler Flaniermeile, steht eine Digitaluhr, die rückwärts zählt bis zum Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine. Doch mit der schwindenden Zeit wachsen die Probleme im Gastgeberland Ukraine. Zunehmend nimmt das Image der Ukraine Schaden – die Absage des Besuchs von Bundespräsident Joachim Gauck ist dabei der jüngste Höhepunkt.

Schon davor lief es nicht wirklich rund. Weit mehr als geplant, haben die Vorbereitungen gekostet, weil viel Geld in dunklen Kanälen versickerte. Die neue Sportarena in Kiew zählt zu den teuersten Stadien Europas – in einem der ärmsten Länder auf dem Kontinent. Um das neue Flughafenterminal der Hauptstadt zieht sich noch immer ein langer Bauzaun, Arbeiten an Straßen zwischen den Austragungsorten werden nicht rechtzeitig fertig. Es fehlen Hotelbetten für die Fußballfans. In Charkiw haben Hoteliers ihre offiziellen Verträge mit dem Reisekonzern Tui gekündigt, um die Preise in die Höhe zu treiben. In Charkiw wird die Deutsche Nationalmannschaft am 13. Juni im Metalist-Stadion zur Vorrundenpartie gegen die Niederlande erwartet.

Nach Charkiw blickt das westliche Europa, allen voran Deutschland, noch aus einem anderen Grund. Denn in der Stadt, 500 Kilometer östlich von Kiew, sitzt Julia Timoschenko in einem Straflager in Haft. Zu sieben Jahren ist sie wegen Amtsmissbrauchs verurteilt. Der Westen kritisiert das Urteil als politisch motiviert. In einem zweiten Prozess droht ihr wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung eine zwölfjährige Haftstrafe.

Seit dem 20. April soll sich Timoschenko nach Angaben ihres Anwalts im Hungerstreik befinden. Bei einem Transport soll sie außerdem geschlagen worden sein. Die Gefängnisleitung dementierte. Die ukrainische Staatsanwaltschaft prüft nun Timoschenkos Vorwurf. Menschenrechtler kritisieren immer wieder Folter und Misshandlungen in Gefängnissen und in Polizeigewahrsam sowie eine mangelhafte medizinische Versorgung.

Jede neue Nachricht über den Gesundheitszustand der Politikerin belasten die Beziehungen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union. Für eine Unterschrift unter einem Assoziierungsabkommen zwischen Kiew und Brüssel verlangt die EU Timoschenkos Freilassung. Die Bundesregierung würde 51-Jährige am liebsten in die Charité nach Berlin holen. Der Neurologe Karl Max Einhäupl hat sie in Charkiw untersucht und beschreibt ihren Zustand als „schwer krank“.

„Im eigenen Interesse muss die Ukraine einer Verlegung der ehemaligen Regierungschefin in ein deutsches Krankenhaus zustimmen“, sagte der Berliner CDU-Abgeordnete Frank Steffel Handelsblatt Online. Ansonsten werde der in dem Land anstehenden Fußball-Europameisterschaft „für immer der Schatten Rechtsbeugung und Unmenschlichkeit liegen“, fügte das Mitglied im Bundestags-Sportausschuss hinzu. Das Vorgehen gegen Timoschenko nannte der CDU-Politiker einen juristischen, politischen und vor allem humanitären Skandal. „Es ist unvorstellbar, dass Timoschenko durch Hungerstreik oder schlechte medizinische Versorgung in einem ukrainischen Krankenhaus zu Tode kommt und wenige Kilometer entfernt ein Fußballfest stattfindet“, sagte Steffel.

Seite 1:

Wie sich die Ukraine ins Abseits befördert

Seite 2:

Boykott der Europameisterschaft?

Kommentare zu " Timoschenko und die EM: Wie sich die Ukraine ins Abseits befördert"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Als gewöhnliche Kriminelle würde ich die Timoschenko nicht einordnen. Sonst nämlich müßte man untersuchen, wie es kam, daß im gesamten Ostblock urplötzlich Millionäre und Milliadäre wie Pilze aus dem Boden schossen. Timoschenko hat als Ökonomin klein klein angefangen, ist ins Ölgeschäft eingestiegen und hat dort die Millionen geschäffelt. Ihr Fehler war es,ins politische Geschäft einzusteigen. Da sie bis dahin unbelastet war, kann nur auf einen politischen Prozeß abgestellt werden. Sie kämpft mit den Mitteln einer Frau und geht dabei so weit, sich durch Hungerstreik selbst zu zerstören und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu erlangen. Zu bedenken ist in diesemZusammenhang, daß slawische Frauen über ein überhohes Maß an Stolz verfügen und als Diva umschmeichelt werden wollen. Um so schrecklicher wirken auf sie Gefängnis und Prügel. An der Rechtssituation ändert das freilich nichts.
    Nun, die Ukraine erwartet etwas von uns und wir erwarten etwas von der Ukraine. Auf die Einhaltung der Menschenrechte sollten wir schon bestehen und auch Sanktionen ansetzen.
    Michail Chodorkowski ist ein Parallelfall.

  • Die Konsumenten und Fussballfan's haben jetzt die Macht!
    Man muss diesem rechtsbrecherischen System in der Ukraine und möglichst bis nach Weißrussland zeigen wo der Hammer hängt ! Solange Julia Timoschenko in Haft ist dürfen Fussballer und Fussballfan's sowie die Intendanten nicht in diese Länder fahren und alle medialen und nicht medialen Produkte bestreiken. Kommerzielle Insolationshaft des Konsumenten also. P.S. Das würde bei den Spritpreisen übrigens auch klappen. Solange Generalstreik der Autofahrer bis die Preise purzeln !:-)
    Binnen 5 Tagen währen wir bei 99 Cent.
    Es lebe die Demokratie ! Freiheit für Julia Timoschenko !

  • Zitat Handelsblatt“
    Jede neue Nachricht über den Gesundheitszustand der Politikerin belasten die Beziehungen zwischen der Ukraine und der Europäischen Union.

    Muss bestimmt eine ganz besondere „Ukrainerin“ sein, dass eine korrupte und kriminelle Politikerin die Beziehungen wegen ihrer Inhaftierung derart belasten kann.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%