Timothy Garton Ash
„Wir brauchen eine europäische Geschichte“

Garton Ash über die deutsche Pflicht, Europa aus der Krise zuführen. Neben einer Wachstumskomponente für südliche Länder, muss Merkel die Easyjet-Generation von Europa überzeugen. So nur bliebe der Kontinent zusammen.
  • 14

Handelsblatt: Herr Garton Ash, die Welt wartet darauf, dass Angela Merkel sie von der Schuldenkrise in Europa erlöst. Was soll die deutsche Kanzlerin tun?

Wir haben die einmalige Situation, dass die Weltgeschichte von Frau Merkel abhängt. Sie handelt aber nicht allein. Sondern sie handelt im Kontext der vier großen Bs: Bundestag, Bundesbank, Bundesverfassungsgericht und "Bild"-Zeitung.

Timothy Garton Ash: Welches ist das wichtigste B?

Möglicherweise das letzte. Ein britischer Premier, ein französischer oder auch ein amerikanischer Präsident ist weniger von solchen Umständen abhängig. Er kann mehr entscheiden als die deutsche Bundeskanzlerin. Aber der Moment ist gekommen, wo die meisterhafte Innenpolitikerin Angela Merkel über ihren Schatten, über diese vier Bs springen muss. Sonst geht das Schiff unter.

Noch einmal: Was muss sie tun?

Es mag banal klingen: Sie muss das Notwendige tun, aber das kann sehr kompliziert sein. Es ist sehr einfach zu sagen, wir müssen jetzt eine Bankenunion, Fiskalunion oder eine Politische Union machen. Das Wichtigste ist, dass die Märkte und die Menschen überzeugt werden, dass diese Euro-Zone gerettet wird. Mit oder ohne Griechenland.

Kann man die Menschen und Märkte mit den bisherigen kleinen Rettungsschritten überzeugen?

Frau Merkel denkt vermutlich, dass sie mit den vier Bs nur zurechtkommen kann, wenn sie weniger sagt, als sie denkt. Um die Märkte und die Menschen in Europa zu überzeugen, müsste sie eigentlich mehr sagen. Das ist die Spannung zwischen einer Politik für Europa und nationalstaatlichem Denken.

Soll sie den Deutschen sagen, dass sie noch mehr Opfer bringen müssen?

Die Formulierung "Opfer" finde ich problematisch. Man muss wahrscheinlich kurzfristig mehr Opfer bringen, aber langfristig geschieht das zum eigenen Nutzen. Deutschland ist ein großer Gewinner der Währungsunion. Und wenn der Euro gerettet wird, wird Deutschland auch weiterhin davon profitieren. Und wenn nicht, wird Deutschland auch sehr darunter leiden. Frau Merkel hat es verpasst, ihren Landsleuten zu sagen, dass die Rettung des Euros in ihrem ureigenen Interesse liegt.

Warum ist es so schwer, die Menschen davon zu überzeugen?

Von Heraklit ist er Satz übermittelt, der Krieg sei der Vater aller Dinge. So waren auch der Krieg in Europa und die persönlichen Erinnerungen daran die wesentlichen Triebkräfte für die europäische Einigung. Der Zeitplan für die Währungsunion hatte zu tun mit der deutschen Wiedervereinigung und den Ängsten der deutschen Nachbarn davor. Viele fordern heute mehr "Leadership" von den politischen Führern. Helmut Kohl hat die Deutschen nicht gefragt, ob sie die D-Mark gegen den Euro eintauschen wollten. Er hat es einfach getan.

„Wir brauchen eine europäische Geschichte, um die Menschen zu überzeugen“

Kann man, wie Frau Merkel jetzt vorschlägt, eine Fiskalunion oder gar eine Politische Union bauen, ohne eine europäische Nation zu haben?

Nach dem Scheitern der europäischen Verteidigungsgemeinschaft hat man es mit der Methode von Jean Monnet versucht. Man geht in wirtschaftlichen Dingen voran, um dann - auch durch den Katalysator von Krisen - die politische Einigung zu befördern. Das hat im Kontext der Kriegserinnerungen gut funktioniert. Doch jetzt hat sich der Kontext verändert. Die Währungsunion war der letzte Schritt der Monnet-Methode. Heute ist die Integration vor allem eine Frage an die Europäer selbst. Ich bin deshalb sehr für Volksentscheide.

Aber wenn wir jetzt an dem historischen Punkt sind, wo die Einigung Europas nicht mehr ein Projekt der Eliten, sondern der Europäer ist, brauchen wir dann nicht umso mehr "Leadership"?

Ja, wir brauchen eine europäische Geschichte, um die Menschen zu überzeugen. Nehmen Sie einen 20-jährigen Europäer. Erzählen Sie ihm vom Krieg, erzählen Sie ihm vom alten Athen, das berührt ihn wahrscheinlich kaum.

Wie kann man die Menschen überzeugen?

Ich habe zwei Vorschläge: Zunächst müsste man den Menschen sagen: Liebe Europäer, ihr lebt im besten Europa, das es je gegeben hat. Wir haben ein Maß an Freiheit, Wohlstand und auch an relativer Sicherheit wie nie zuvor. Ein junger Mann aus Irland kann nach Estland, Griechenland oder Rom ziehen, dort Arbeit finden, eine Familie gründen und glücklich werden. Ich nenne das die Easyjet-Generation. Die jungen Menschen sind selbstverständliche Europäer, aber nicht unbedingt überzeugte Europäer.

Und der andere Vorschlag?

Das kann ich in einem Wort zusammenfassen: China! Wir leben bald in einer Welt von Riesen. Alten und neuen. Amerika, Russland, China, Indien. Nicht heute, aber in zehn Jahren wird selbst Deutschland in der Welt nur noch ein Zwerg sein. Ich möchte in dieser Welt lieber ein Riese sein. Das können wir nur, wenn wir zusammenbleiben.

Warum kann Deutschland nicht klein und glücklich sein wie die Schweiz?

Die Deutschen wollen reich und tüchtig sein. Aber sie wollen nicht die Verantwortung für die Welt tragen. Libyen, Syrien, vergessen Sie es. Aber dann bestimmen andere die Regeln und die Architektur der Welt, in der wir leben.

Kann Angela Merkel mit ihrem eher nüchternen Charisma die Deutschen mit einer neuen, modernen Geschichte über Europa mitreißen?

Ich bewundere Frau Merkel zutiefst. Mit ihrer Lebensgeschichte, ihrer Bescheidenheit und ihrer einfachen, ehrlichen Art ist sie vielleicht viel besser als ein Giscard d'Estaing oder ein David Cameron geeignet, die Easyjet-Generation zu überzeugen. Das Problem liegt in Frau Merkels Analyse der Euro-Krise, die nicht falsch, aber doch unvollständig ist. Es fehlt die Wachstumskomponente, damit Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien aus der Krise kommen können.

„Ich bin kein dogmatischer Keynesianer wie Paul Krugman“

Woran liegt das?

Angela Merkel ist eine Meisterin, wenn es darum geht, Wahlen zu gewinnen.

Aber sie hat gerade in NRW verloren.

Deshalb wird sie noch vorsichtiger in der Innenpolitik. Aber das reicht nicht mehr, um die europäische Krise zu lösen. Sie müsste eigentlich sagen: "Es kann ja sein, dass ich durch die richtigen Entscheidungen für Europa die nächste Bundestagswahl verliere." Aber sie stünde dann gut da in der Geschichte.

Glauben Sie wirklich, dass Frau Merkel das tun würde?

Ich glaube, sie sollte es tun.

Aber das große B der "Bild"-Zeitung, das ist doch sehr wichtig für Frau Merkel.

Auch der Bundestag und die Bundesbank und das Bundesverfassungsgericht sind wichtig. Das europäische Projekt wurde vorangetrieben von Menschen, die sehr schlimme Erinnerungen an Krieg, Holocaust und Besatzung hatten. Heute ist es genau umgekehrt. Wir haben viele Menschen gerade in Südeuropa, denen es in den vergangenen Jahren sehr gut ging - aber auf Pump. Jetzt erwartet man von diesen Menschen, dass sie sich für Europa begeistern, obwohl die Zeiten für sie immer härter werden. Deswegen brauchen wir nicht nur Visionen, sondern eine pragmatische Mischung von Sparmaßnahmen, Strukturreformen und Wachstumsförderung.

Ist das das Notwendige, was jetzt getan werden muss?

Ja. Ich bin kein dogmatischer Keynesianer wie Paul Krugman. Aber Länder wie Portugal oder Spanien werden nie aus der Krise herauskommen, wenn es kein Wachstum gibt.

Aber gibt der Erfolg Frau Merkel nicht recht? Länder wie Italien, Griechenland und Spanien haben Reformen angestoßen, die ohne den Druck aus Berlin doch undenkbar gewesen wären.

Und jetzt haben wir die Grenze des Erträglichen für diese Länder erreicht. Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich immer noch um nationale Demokratien handelt. Wenn man das nicht völlig aufheben will, muss es für die Maßnahmen noch eine demokratische Akzeptanz geben. Das Gleiche gilt für Frau Merkel in Deutschland. Aber es ist die weit verbreitete Meinung, dass mehr für das Wachstum getan werden muss.

Ist es vor allem die Meinung derer, die selbst kein Geld dafür geben wollen und sagen, Deutschland muss mehr zahlen?

Die Deutschen haben gegeben, aber auch genommen. Erstens gehören sie seit zehn Jahren zu den großen Gewinnern der Euro-Zone. Denken Sie an die florierende Exportindustrie. Bei Shakespeare lesen wir in Hamlet: "Neither a borrower nor a lender be." Nicht nur das Schuldenmachen, auch das Geldverleihen kann verwerflich sein. Das Geld, das in Südeuropa falsch investiert wurde, kam auch von deutschen, französischen und britischen Banken. Deshalb trägt auch Deutschland Verantwortung.

„Ich wünsche mir, dass die Griechen in der Euro-Zone bleiben“

Viele Europäer wünschen sich Deutschland als gütigen Hegemon. Kann Deutschland das mit seiner Vergangenheit leisten?

Das ist eine schwierige Rolle auch ohne die deutsche Vergangenheit. Von Henry Kissinger stammt der Satz: Deutschland ist zu groß für Europa, aber zu klein für die Welt. Die kritische Größe Deutschlands war schon immer ein Problem. Gerade in der Wirtschaftspolitik ist die Kunst, zu führen, sehr schwierig. Deutschland ist eben nicht so mächtig, dass es alles allein entscheiden kann. Man muss die anderen mitnehmen.

Hat sich durch die Wahl von Hollande in Frankreich etwas verändert?

Die Bundesbank hat 1992 die Briten nicht im Europäischen Währungsmechanismus gehalten. Damals hat Trichet den Deutschen gesagt: Frankreich ist nicht England. Uns könnt ihr nicht einfach fallen lassen. Und so ist es auch gekommen. Mit anderen Worten: Die Politik des französischen Präsidenten hat eine ganz besondere Stellung in Europa und für Deutschland. Aktuell heißt das, die Mehrheit in der Euro-Zone wird für eine Wachstumsstrategie sein.

Und die Briten?

Großbritannien ist in einer völlig anderen Lage. Der britische Premier David Cameron sagt: "Bitte schafft die Fiskalunion auf dem Kontinent - aber ohne uns."

Das hat doch schon Churchill in seiner Züricher Rede gesagt. Sind wir keinen Schritt weiter?

Bei Churchill war das nicht so klar wie bei Cameron. Und das stellt Großbritannien vor ein Problem: Wenn die Euro-Zone gerettet wird und zu einer Fiskalunion zusammenwächst, dann stellt sich für die Briten die Frage: Rein oder raus? Und dann muss es ein Referendum geben.

Und wie geht das aus?

Es kommt sehr darauf an, wie wirtschaftlich erfolgreich die Euro-Zone dann ist und wie es Großbritannien wirtschaftlich geht. Heute, im Angesicht der Krise, gäbe es keine Mehrheit für Europa. Aber in fünf Jahren könnten die Briten durchaus Ja sagen.

Kann es sein, dass wir den Euro retten, aber die europäische Idee zerstören?

Richard von Weizsäcker hat einmal geschrieben: "Die europäische Geschichte geht weiter." Europa wird es also auch weiterhin geben. Aber was von der einmaligen Konstruktion der Europäischen Union nach der Krise übrig bleibt, das ist eine sehr offene Frage. Scheitert der Euro, wird die Zukunft der Europäischen Union infrage gestellt. Der Euro-Raum ohne Euro wäre ein großer, unverbindlicher Schlamassel.

Scheitert der Euro, wenn Griechenland sich am Sonntag gegen das Sparpaket ausspricht und ausschert?

Ich wünsche mir, dass die Griechen in ihrem ureigenen Interesse in der Euro-Zone bleiben. Wenn sie jedoch mit Nein oder Jein antworten, müssen wir gut vorbereitet sein, damit einen Tag später nicht auch Portugal oder Spanien ausschert. Ich schließe das nicht aus. Wenn die Griechen das so entscheiden, dann ist das ihr gutes Recht.

Müssen wir in Europa unsere Ambitionen zurücknehmen und einen Währungsverbund wählen, der weniger komplex, aber einfacher zu managen ist?

Aus meiner Kindheit kenne ich einen Witz, in dem ein Ire von einem amerikanischen Touristen nach dem richtigen Weg gefragt wird. Er antwortet: "Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich nicht von hier aus starten." Und so ist es auch mit der Währungsunion. Viele, auch ich, haben vor den Risiken der Währungsunion gewarnt. Aber es gibt die Währungsunion so, wie sie heute ist. Deshalb müssen wir versuchen, diese Fehlkonstruktion zu verbessern. Vielleicht hilft etwas mehr britischer Pragmatismus. Viele Dinge im Leben sind theoretisch unmöglich, funktionieren aber in der Praxis trotzdem irgendwie.

Herr Garton Ash, wir bedanken uns für das Gespräch.


Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent

Kommentare zu " Timothy Garton Ash: „Wir brauchen eine europäische Geschichte“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Nicht die vier B's sind für Angela Merkel entscheidend, sondern nur ihr noch-geheimes Wissen über die Inhalte des EPIKUR-PROJEKTS für EUROPA und die Welt (=E.volutions-P.rojekt-I.nformiertes, K.ultur-U.topie-R.ealisierungs-Projekt), das den Epochenwechsel unter die evolutionsprozess-logisch folgende Fortschrittsordnung des KREATIVEN Akzelerations-/Evolutionspfades organisieren wird.

    Da Angela Merkel den hinreichenden,, evolutionskybernetischen Erkenntnisstand zur Systemkrise und für die evolutionäre Systemlösung hat, wird die EURO-Krise nur bis zu dem Tag offen sein, an dem Angela Merkel ihre Epochenwechsel-Rede halten wird.

  • Das wurde hier schon richtig erkannt, den Engländer treibt nur der Eigennutz. Am lächerlichsten finde ich vor allen Dingen die UK Politiker, die selbst nur einen rostigen nagel in der Tasche haben und glauben, dass ihre Anwesenheit alleine auch schon ausreicht, um mitreden zu dürfen. Die Lachnummer der EU, das nimmt man doch nicht ernst.

  • das mit dem gemeinschaftlichen Gedanken...dafür ist es zu früh. Wie richtig bemerkt, wird es höchste Zeit, dass man endlich mal die Vergangenheit auch Vergangenheit sein lässt. Es ist sowieso in die Volksseele eingebrannt worden. Das heisst, es muss eine Neudefinition geben, also ein Individualisierungsprozess. Das sind keine Zeiten, wo man sich mit anderen zusammen tut. Nein man enttut sich in dem Moment. Die Gemeinsamkeiten sind für später, wenn das Update klar ist.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%