Tod des Flüchtlingsjungen
Ein Foto wird zur moralischen Verantwortung

Das Bild des bei der Flucht aus Syrien ertrunkenen Kindes rüttelt die Welt auf. Vor allem in Großbritannien, das mit Premier Cameron zuvor einen harten Kurs gefahren ist, fangen Menschen und Politiker an umzudenken.
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Von Immigrantenströmen war die Rede, die sich durch Europa wälzen. Der britische Premier David Cameron sprach von „Schwärmen“ und wurde wegen seiner „enthumanisierenden Sprache“ gescholten. Gerade noch zeigten die TV Sender Menschentrauben, die an Zügen hängen oder nachts die Bahnsteige stürmen. Und nun liegt da plötzlich der kleine Aylan an einem Strand in Bodrum in der Türkei. Ganz allein. Tot. Das Gesicht nach unten im Wasser. Das rote T-Shirt hochgezogen, als schlafe er nur in seinem Bettchen.

Auf einem anderen Foto trägt ein türkischer Grenzer das tote Kind vom Strand, von dem aus seine Familie die Flucht übers Meer auf die Insel Kos versuchte. Aylan Kurdi, drei Jahre, ist nicht das einzige Opfer. Auch sein Bruder Galip, 5 Jahre, ist ertrunken. Und die Mutter. „Sie glitten mir aus der Hand“, so der Vater Abdullah, einer von neun Überlebenden. 23 Flüchtlinge hatten in zwei kleinen Booten die Überfahrt gewagt und waren noch vor der türkischen Küste gekentert. Fünf Kinder sind tot.

Am Donnerstag gehen die Bilder von dem kleinen Aylan um die Welt. Fotos, die der Flüchtlingskrise ein Gesicht und eine neue Wende geben. Zeitungen drucken sie ab. Fernsehsender zeigen die Fotos mit Warnungen an die Zuschauer: „Was jetzt kommt, könnte Sie erschüttern“. Auf Twitter verbreitet sich das Bild rasend schnell. Im Gewirr der Krisenbilder ist seine Botschaft klar und unwiderleglich. Ein moralischer Imperativ in der Kakophonie politischer Manöver.

In Großbritannien, wo die Politiker schon seit Tagen unter wachsendem Druck stehen, eine menschlichere Lösung für die Krise zu finden, ist die Wirkung durchschlagend. Kaum eine Zeitung, die es nicht auf der Titelseite hat. Der „Independent“, der es am größten druckt, startet eine Petition die am Abend schon über 100.000 Unterschriften hat. „Großbritannien muss seinen fairen Anteil an den Flüchtlingen nehmen, die Sicherheit in Europa suchen“, so der Text.

Plötzlich tauchen überall Bilder von mehr oder weniger Prominenten auf, die Schilder in der Hand tragen auf denen steht: „Flüchtlinge willkommen“. Kolumnisten erinnern daran, wie Großbritannien im zweiten Weltkrieg Zehntausenden von Juden Zuflucht gab. Die Kandidatin für das Labourspitzenamt, Yvette Cooper, forderte in einem ersten Schritt 10.000 Flüchtlinge zu nehmen und endlich die Verwirrung zu lösen, die in der britischen Debatte das Flüchtlingsproblem und das Einwanderungsproblem in einen Topf wirft. „Flüchtlinge und Migranten sind nicht dasselbe.“

Die schottische Regierungschefin Nicola Sturgeon bekennt sich zu ihren Tränen und wirft Cameron vor, wie ein harter Pharisäer an den Notleidenden vorüberzugehen. Schatzkanzler George Osborne sagt: „Niemand, der das sieht, ist nicht betroffen und ich selbst war sehr mitgenommen, als ich es heute Morgen sah“. Der Bürgermeister von Liverpoool meldete sich. Seine Stadt werde 100 Syrienflüchtlinge aufnehmen.

Der Druck auf Cameron wird immer größer. Immer mehr Menschen aufzunehmen, würde nur immer mehr zu der gefährlichen Flucht über das Meer verleiten, hatte Cameron noch am Vortag beharrt. Am Mittwochabend schickte er einen seiner politischen Sergeanten ins TV Studio, der betonte, wie viel Geld die Briten für die Flüchtlingshilfe in den syrischen Anrainerstaaten ausgeben. „Mehr als alle anderen EU Staaten zusammen“, so der ehemalige Entwicklungsminister Andrew Mitchell. Aber die „Financial Times“ schrieb am anderen Morgen doch, Cameron habe die Flüchtlingskrise – und die Briten – mit seiner harten Haltung falsch eingeschätzt.

Auch Cameron kann sich dem Druck des Bildes von dem kleinen Aylan nicht entziehen. „Als Vater hat mich das Bild tief bewegt“, sagte er am Donnerstag. „Großbritannien ist eine moralische Nation und wir werden unsere moralische Pflicht erfüllen“. Großbritannien werde „Tausende mehr Flüchtlinge“ nehmen, verspricht er auf Nachfrage. „Und worauf es ankommt ist, dass wir ihnen, wenn sie kommen, ein richtiges Willkommen geben und uns um sie kümmern. Und das ist genau, was wir tun werden“.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent

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  • In Ungarn hat sich ein Flüchtling auf die Gleise gelegt
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    Er ist überfahren worden.
    Er wollte nicht ins Lager, er wollte nach Germany!
    Er wollte sich auch nicht registrieren lassen, dann könnte er ja zurückgeschickt werden.
    Also ist er ausgebrochen. Er sollte in ein Flüchtlingslager gebracht werden.

  • Auf dem Weg ins gelobte Land
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    Auf Kos und Lesbos gibt es wilde Gewaltakte. Die Polizei setzte Blend--granaten und Tränengas ein. Die Flüchtlinge wollen weiter nach Deutschland.

    In Ungarn ließ Orban einen Zaun zu Serbien errichten, Es wird auch schon über einen Zaum zu Kroatien berichtet.
    Die Flüchtlinge wollen alle nach Deutschland. Sie rufen: "Germany, Germany und Merkel, Merkel".
    Sie wollen sich nicht registrieren lassen.

    In Deutschland werden 800.000 bis über einer Million Flüchtlinge für 2015 erwartet.

    In der EU sind nur 7 Länder bereit, Füchtlinge aufzunehmen, alle Anderen machen einen schlanken Fuß.

    Hierzu ein guter Bericht aus dem Spiegel:

    Osteuropa und die Flüchtlingskrise: "Keiner hat hier Flüchtlinge eingeladen"
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    Die Flüchtlingskrise spaltet Europa. Vor allem osteuropäische EU-Staaten wehren sich gegen feste Verteilungsquoten, sie wollen nicht noch mehr Flüchtlinge aufnehmen. Die Begründungen sind zum Teil frappierend.

    Quelle: Spiegel
    http://www.spiegel.de/politik/ausland/osteuropa-fluechtlingskrise-spaltet-europa-a-1051193.html

  • Da gehen mir die Bilder von weinenden Kindern am Bahnhof in Budapest bedeutend mehr unter die Haut.
    Das Bild des toten Jungen könnte genau so gut ein schlafendes Kind darstellen. Die weinenden Kinder dort können kaum mit glücklichen Kindern verwechselt werden. Denen kann man jetzt noch helfen...

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