Tod eines Mitgrantenarbeiters
Chinas Krankenhäuser wollen Cash sehen

Chinas Gesundheitssystem muss dringend reformiert werden. Dies beweist der tragische Tod eines Migrantenarbeiters vor wenigen Tagen in Guilin.

HB PEKING. Wer in China krank wird, hat Grund zur Sorge. Seit 20 Jahren ist das Gesundheitssystem Gegenstand von Reformbemühungen, die jedoch bis heute kein funktionierendes Krankenversicherungssystem hervorgebracht haben. China sucht – wie so viele andere Länder – einen Weg zwischen staatlicher Verantwortung und reformoptimistischer „Marktlösung“. Bei dieser Gratwanderung bleiben im Riesenreich aber vor allem die Armen und die Landbevölkerung auf der Strecke.

Heute haben 60% der städtischen Bevölkerung keinerlei Krankenversicherung, auf dem Lande sind es sogar 90%. Im Krankheitsfall sind sie folglich auf ihre Ersparnisse angewiesen. Während die Behandlungskosten beim Arzt oder im Krankenhaus für Westler in China günstig sind, so sind sie für viele Chinesen schier unerschwinglich. Im Volksmund hat sich daher der Satz „Kan bing nan, kan bing gui“ (Zum Arzt gehen ist kompliziert und teuer) längst zum geflügelten Wort entwickelt.

Dabei zeichnen sich im Gesundheitswesen bereits merkliche Veränderungen ab. Eigentümerstrukturen von Krankenhäusern wandeln sich durch Aufnahme privaten Kapitals. Das Gewinnziel rückt in den Vordergrund, da der Staat sich aus der Finanzierung der Hospitäler nach und nach zurückzieht. Der Tod des Migrantenarbeiters Bao Guangshe vor zwei Wochen in Guilin wirft ein frappierendes Schlaglicht auf diese Entwicklung:

Der Mann war 12 Jahre zuvor aus der armen Provinz Anhui in die südliche Touristenstadt Guilin gekommen, deren bizarre Bergformationen inmitten des Li-Flusses jährlich unzählige Touristen anlocken. Bao Guangshe hatte dort Arbeit gefunden und war samt Frau und Kind der armen Heimat erfolgreich entkommen.

Das Glück der Familie fand jedoch ein jähes Ende, nachdem eines nachts auf der Straße vor ihrer Wohnung ein bewaffneter Räuber die Handtasche einer jungen Frau gestohlen hatte. Bao Guangshe und seine Frau schliefen schon, als sie von aufgeregten „Haltet den Dieb“-Rufen geweckt wurden. Wie die Zeitung Xinan Wanbao berichtet, stürzte Bao kaum bekleidet aus dem Haus, um den Räuber zu verfolgen. Er bekam den Dieb tatsächlich kurz zu fassen, doch dieser stach ihn brutal mit einem Messer nieder und entkam in der Nacht. Bao sank mit schweren Verletzungen auf der Straße zusammen.

Nachbarn riefen Polizei und Rettungswagen, die Bao Guangshe schnell ins Krankenhaus brachten. Doch dort angekommen, wandelte sich das Tempo in eine unerträgliche Langsamkeit: „Wir können ihn erst operieren, wenn Sie die Operation bar bezahlen“, so die unerschütterte Ansage des Krankenhauspersonals an die Ehefrau. Deren Mann verlor in der Zwischenzeit weiter Blut, und aus der offenen Wunde traten bereits die Gedärme hervor, die Bao notdürftig mit den Händen im Körper zu halten versuchte.

„Wir hatten uns doch nur rasch etwas übergezogen, wir haben jetzt kein Bargeld dabei!“ Verzweifelt bat sie: „Bitte operieren Sie ihn so schnell wie möglich, wir werden das Geld später sofort beibringen!“

Das Krankenhaus ließ sich weder von den Bitten noch von dem ernsten Zustand des blutenden Bao beeindrucken und bestand auf Vorkasse. Erst eine Stunde nach Ankunft im Krankenhaus wurde Bao schließlich in den Operationssaal geschoben. Doch da war es schon zu spät. Zuviel Zeit war verstrichen, ehe das Geld beschafft werden konnte und Bao verstarb auf dem Operationstisch.

In der Bevölkerung wurde der tragische Tod von Bao Guangshe mit viel Anteilnahme aufgenommen. Zahlreiche Menschen erschienen zur Trauerfeier des hilfsbereiten Migrantenarbeiters und ihre Bewunderung machte ihn fortan zum Helden. Die Bezirksregierung lobte die Zivilcourage des vorbildlichen Bürgers und spendete den Angehörigen 20 000 Yuan (2000 Euro) als Zeichen der Anteilnahme und Entschädigung.

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