Tod von Premier Zenawi
Äthiopien verliert seinen Stabilitätsanker

Meles Zenawi hat Äthiopien 21 Jahre lang mit harter, zuletzt auch autokratischer Hand regiert. Er hat das Land aber modernisiert. Sein früher Tod ist wirtschaftlich ein Rückschlag.
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KapstadtSeit Wochen schon hatte es immer wieder Gerüchte gegeben. Doch jedesmal, wenn neue Spekulationen über eine schwere Erkrankung des äthiopischen Premiers Meles Zenawi aufkamen, wurden sie von der Regierung in Addis Abeba sofort heftig dementiert. Am Dienstag bestätigte das äthiopische Staatsfernsehen jedoch, was viele Beobachter seit längerem vermutet hatten: Mit nur 57 Jahren ist Äthiopiens Staatschef, der vielerorts als die „Stimme Afrikas“ galt, in einem ausländischen Hospital verstorben. Über den genauen Ort wurde ebenso Stillschweigen gewahrt wie über die Gründe der Erkrankung. Nach den Präsidenten von Malawi und Ghana ist Zenawi bereits der dritte afrikanische Staatschef, der binnen sechs Monaten im Amt verstarb.

Für Äthiopien ist der Tod des „Mannes mit den zwei Gesichtern“, als der er oft beschrieben wurde, zumindest wirtschaftlich ein herber Rückschlag: Auf der Habenseite steht Meles langer und insgesamt erfolgreicher Kampf gegen die Armut und das Image Äthiopiens als Hungerland, das Bob Geldof 1985 mit seinem Live Aid-Konzerten verbreitet hatte. Seine Regierung behauptet, seit 2004 um durchschnittlich elf Prozent im Jahr gewachsen zu sein. Vielen westlichen Regierungen gefiel, dass der Absolvent der Open University in Großbritannien das Elend der Äthiopier auf dem Land milderte, wo noch immer fast 90 Prozent seiner inzwischen rund 85 Mill. Menschen leben. Mit seinem flüssigen Englisch, das er auf einer britischen Privatschule in Addis Abeba lernte, wurde Meles zum Liebling der Geberländer, die jährlich fast vier Milliarden Dollar in sein Land pumpten, oft mit weit besseren Resultaten als anderswo auf dem Kontinent.

Im Gegensatz zu fast allen anderen afrikanischen Staaten steckt Äthiopien heute fast 15 Prozent seines Haushalts in die anderswo stark vernachlässigte Landwirtschaft. Seine Regierung hat auf dem Land neue Straßen, Kliniken und Grundschulen, vor allem aber eine Reihe riesiger Staudämme gebaut, mit denen die Stromgewinnung bis 2015 um das Fünffache gesteigert werden soll. Dabei handelt Äthiopien nicht immer in Einklang mit den Interessen seiner Nachbarn, etwa beim Aufstauen des Blauen Nil, einem Projekt, dass auch Strom für den Export produzieren soll. Umstritten ist auch die Anwerbung ausländischer Investoren, denen die Regierung rund drei Mill. Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche offerierte. Meles hat angeblich vor allem mit indischen Investoren Verträge geschlossen, durch die Zehntausende von Subsistenzfarmern vertrieben wurden.

Negativ schlägt zu Buche, dass er in den 21 Jahren seiner Herrschaft wenig Mut zu politischen Reformen aufbrachte und deshalb oft dafür kritisiert wurde, dass er, ähnlich wie Paul Kagame in Ruanda, die Entwicklung seines Landes zunehmend autoritär vorantrieb. So warf er Tausende politischer Gegner ins Gefängnis, darunter viele Journalisten. Im Anschluss an die umstrittene Wahl im Jahr 2005 wurden fast 200 Demonstranten von der Polizei getötet und mehr als 30.000 Menschen inhaftiert. Auch intervenierte der frühere Marxist immer wieder in Hilfsprojekten und verbot Organisationen, die er nicht mochte.

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