Todesstrafe
Libyen: Hartes Urteil gegen sechs Bulgaren

Sechs bulgarische Sanitäter und ein palästinensischer Arzt wurden von einem libyschen Gericht zum Tode verurteilt, weil sie absichtlich Hunderte libysche Kinder mit dem tödlichen Aids-Virus HIV infiziert haben sollen. Die bulgarische Regierung kritisierte das Urteil als unfair und absurd.

HB BENGHAZI. Nach den jüngsten Bemühungen des libyschen Staatschefs Muammar Gaddafi um bessere Beziehungen zu Europa hatten viele Bulgaren ein milderes Urteil erwartet. Die EU-Kommission äußerte sich tief enttäuscht. Die Gerichtsentscheidung sei eine Hürde für die von Libyen angestrebte Aufnahme in die EU-Mittelmeerpartnerschaft, sagte ein Kommissionssprecher in Brüssel.

Das Gericht befand die sechs Sanitäter für schuldig, in einem Krankenhaus in Benghazi 426 Kinder über verseuchte Blutprodukte mit dem Aids auslösenden Virus infiziert zu haben. Die Verteidigung will Rechtsmittel gegen das Urteil, das auf Tod durch ein Erschießungskommando lautet, Sanitäter waren Anfang 1999 in Tripolis festgenommen worden und bestritten die Vorwürfe. Seit 1999 starben mehr als 40 infizierte Kinder. Dutzende Verwandte veranstalteten nach dem Urteil vor dem Gerichtsgebäude eine Demonstration der Genugtuung.

Die bulgarische Regierung kritisierte Libyen scharf für das Todesurteil und rief andere europäische Staaten und die USA auf, ebenfalls hart zu reagieren. „Ich bin geschockt über die Urteile. Es ist die offizielle Position der bulgarischen Regierung, dass wir die Verurteilungen nicht hinnehmen werden“, sagte Justizminister Anton Stankov. „Die libyschen Behörden wollten die Wahrheit über die Epidemie gar nicht herausfinden und ich bleibe dabei, dass die Bulgaren keine Schuld daran tragen.“

Er hoffe auf eine „schnelle und faire Lösung“, sagte Kommissionspräsident Romano Prodi. Die Verwandten der Sanitäter waren schockiert über das Urteil und wollten sich nicht gegenüber den Medien äußern. Der bulgarische Parlamentspräsident Ognyan Gerdzhikov zeigte sich dagegen zuversichtlich, dass die Todesurteile nicht ausgeführt würden. „Erstens kann man dagegen Rechtsmittel einlegen. Zweitens hat Libyen seit neun Jahren niemanden mehr hingerichtet - und ich wäre sehr erstaunt, wenn sie ausgerechnet jetzt wieder damit anfangen würden. Drittens gehe ich davon aus, dass Gaddafi human reagieren wird, um politisch das Vertrauen zu gewinnen, das er in der Weltöffentlichkeit braucht“, sagte der Politiker im Hörfunk.

Die Familien der infizierten Kinder zeigten sich dagegen mit den Todesurteilen zufrieden. „Das Urteil ist fair. Sie haben ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangenen. Sie haben in unseren Kindern eine Bombe gelegt“, sagte Ramdane Ali Mohamed, dessen kleine Schwester Hiba an Aids gestorben war.

Die Verteidigung argumentierte dagegen anders. „Es ist ein schockierendes Urteil. Meine Mandanten hatten erwartet, wegen Pflichtverletzung verurteilt zu werden, und waren von Haftstrafen statt der Todesstrafe ausgegangen“, sagte der Verteidiger Othmane Bizanti der Nachrichtenagentur Reuters. Der Entdecker des HI-Virus, der französische Arzt Luc Montagnier, hatte im vergangenen Jahr erklärt, die Epidemie sei in dem Krankenhaus in Benghazi bereits 1997 ausgebrochen und damit ein Jahr vor der Ankunft der Sanitäter. Ursache seien wahrscheinlich unhygienische Bedingungen in dem Hospital gewesen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%