Tödliche Schüsse: Amerika zweifelt an seinen Polizisten

Tödliche Schüsse
Amerika zweifelt an seinen Polizisten

Der Fall des Afroamerikaners Walter Scott, der durch die Schüsse eines weißen US-Polizisten getötet wurde, paralysiert die US-Gesellschaft. Videoaufnahmen belasten den Cop schwer. Das Vertrauen in die Polizei schwindet.
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San FranciscoEs braucht nur wenige Minuten, um das Leben zweier Familien zu zerstören. Eine Videoaufnahme, nun von der Polizei veröffentlicht, zeigt diese letzten Minuten vor den tödlichen Schüssen in North Charleston in South Carolina. Die Kamera war am Armaturenbrett eines Polizeiwagens befestigt. Sie liefert Bilder einer Routinekontrolle, aufgezeichnet am vergangenen Samstag.

Ein Rücklicht des gestoppten Mercedes ist kaputt. Der Polizist spricht den Fahrer am Wagenfenster professionell und ruhig an. Der Führerschein wird ausgehändigt, der Polizist geht damit zu seinem Fahrzeug. Plötzlich versucht der Fahrer auszusteigen, wird vom Officer lautstark zurück ins Auto geschickt. Dann der zweite Versuch zu entkommen. Der Mann, der 50 Jahre alte Walter Scott, rennt weg, verfolgt vom 33-jährigen Michael T. Slager.  Er ruft „Taser, Taser, Taser“. Eine Warnung vor dem Einsatz des Elektroschockers, ganz nach den Dienstvorschriften. Was dann passiert, das ist auf dem Polizeivideo nicht mehr zu sehen.

Dafür aber auf einem Amateurvideo. Das Knallen von acht Schüssen ist zu hören. Die Bilder dazu sind verstörend: Stehend, ruhig zielend entlädt der Polizist das Magazin seiner Dienstwaffe. Im Rücken getroffen bricht der Flüchtende zusammen. Dann geht der Polizist in aller Seelenruhe zu dem am Boden liegenden Opfer hinüber und legt dem Sterbenden Handschellen an.

Später platziert er noch ein Objekt neben dem Mann. Es könnte die Elektroschockpistole sein, von der er später behaupten wird, das Opfer habe sie ihm im Kampf entrissen. Er habe um sein Leben gefürchtet und in Notwehr gehandelt, als er tödliche Gewalt angewandt hatte. Zwei Tage lang verbreitete er seine Version, bevor das Video ihn Lügen strafte.

Seitdem ist die amerikanische Gesellschaft paralysiert. Darf ein Polizist in den USA einen Flüchtenden in den Rücken schießen und sogar töten? Ja, er darf. Aber nur in ganz besonderen Fällen. Zum Beispiel, wenn ein Bewaffneter flüchtet und in Richtung anderer Menschen rennt und zu fürchten ist, dass er Unschuldige oder Umstehende angreift und tötet. Nichts von dem traf an diesem tragischen Tag in North Charleston zu.

„Es hat mich krank gemacht, was ich da gesehen habe“, räumt der fassungslose Polizeichef der Stadt ein, nachdem das Amateurvideo am Mittwoch aufgetaucht war. Präsident Barack Obamas erste Beraterin Valerie Jarrett nannte die Aufnahme „bestürzend“, Senator Lindsay Graham, ein Hoffnungsträger der Republikaner für die Präsidentschaftswahlen 2016, sagt, das Video sei „schwer zu ertragen“ und „auf viele Art und Weise besorgniserregend“.

Eine Frage, die sich viele Amerikaner jetzt stellen: Was ist die Aussage eines Polizisten eigentlich noch wert? Szenen aus New York City von diesem Januar bekommen auf einmal eine ganz neue Bedeutung. Bürgermeister Bill de Blasio hatte nach den Schüssen auf einen unbewaffneten Schwarzen in Ferguson im US-Bundesstaat Missouri erklärt, er müsse seinem Sohn jetzt die „Gefahren“ erklären, die von Polizisten ausgehen. Auf einer Trauerfeier zu Ehren im Dienst getöteter Beamter hatten daraufhin hunderte Polizisten ihrem Dienstherren den Rücken zugekehrt, weil er sie zu Unrecht als die „bad boys“ dargestellt habe.

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