Tötung eines unbescholtenen Brasilianers
Rom kann Rucksackbomber an London ausliefern

Der in Rom gefasste mutmaßliche Rucksackbomber von London soll binnen 35 Tagen an London ausgeliefert werden. Dies entschied am Mittwoch ein römisches Schwurgericht, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. So soll es der Staatsanwaltschaft in Rom ermöglicht werden, noch gut einen Monat lang weitere Ermittlungen zu führen. Der Äthiopier Hamdi Adus Issac war Ende Juli in Rom festgenommen worden und hatte kurz danach seine Beteiligung an den Londoner Bombenanschlägen vom 21. Juli gestanden. Er hatte sich bis zuletzt gegen den britischen Wunsch nach Auslieferung gewehrt.

HB LONDON. Der Verdächtige hatte zuvor gestanden, den Sprengsatz gezündet zu haben. Allerdings habe er dabei nicht töten, sondern die Stadt lediglich in Schrecken versetzen wollen. Die britischen Gesetze verbieten es, einem Angeklagten in Abwesenheit den Prozess zu machen.

Die Londoner Polizei hat die Öffentlichkeit offenbar bewusst in die Irre geführt, um die Erschießung eines unbescholtenen Zuwanders aus Brasilien durch Anti-Terror-Polizisten in der U-Bahn zu rechtfertigen. Unmittelbar danach hatte Scotland Yard erklärte, der 27-jährige habe sich verdächtig gemacht, weil er trotz mehrfachen Zurufens nicht stehen geblieben und über die Absperrung einer U-Bahn-Station gesprungen sei. Außerdem habe er trotz Sommerwetters einen dicken Mantel getragen, unter dem er Sprengstoff hätte verstecken können.

Wie alle großen britischen Zeitungen jedoch am Mittwoch unter Berufung auf interne Polizeidokumente berichten, steht inzwischen fest, dass all das nicht stimmt: Befragungen der beteiligten Polizisten durch die Beschwerdestelle von Scotland Yard hätten ergeben, dass Menezes zu keinem Zeitpunkt davongerannt sei.

Leichte Jacke statt dicker Mantel

Er habe die U-Bahn-Station ganz normal durch Öffnen der Schranke mit seiner Fahrkarte betreten, sich noch eine Gratiszeitung genommen und dann in eine wartende U-Bahn gesetzt. Dort sei er von den Polizisten gepackt und - obwohl er keine Gegenwehr geleistet habe - mit einer ganzen Salve gezielter Schüsse getötet worden. Er habe auch keinen Wintermantel, sondern eine leichte Jacke getragen.

Harriet Wistrich, die Anwältin der Angehörigen von Menezes, sagte zu den Berichten: "Es sieht danach aus, dass da versucht wurde, die Öffentlichkeit in die Irre zu führen, um zu rechtfertigen, was nur als absolut tragische Katastrophe für die Polizei bezeichnet werden kann." Scotland Yard lehnte eine Stellungnahme unter Hinweis auf die laufende Untersuchung ab.

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