Tony Blair und die EU-Krise
Der spät Bekehrte

Auf diesen Auftritt haben sie alle gewartet. Er wurde herbeigeschrieben, herbeigesehnt oder vorab vehement verflucht. Tony Blair werde eine große Rede halten und Europa modernisieren, hatten seine Botschafter und PR-Manager seit Tagen auf allen möglichen und unmöglichen Kanälen verbreitet. Sogar in der „Bild“-Zeitung wurde die frohe Botschaft in großen Lettern verkündet.

HB BRÜSSEL. Tony Blair werde Europa spalten, Nebelkerzen werfen und sich nach sechs Monaten als Ratsvorsitzender mit einem Scherbenhaufen verabschieden, sagten indes seine Gegner voraus. Sogar das Bundeskanzleramt stimmte in den Chor der Kritiker mit ein.

Nun steht er also endlich da, am Rednerpult im Plenarsaal des Europaparlaments in Brüssel, ganz weit auf der linke Seite, gleich neben den Reihen der Kommunisten, und klammert sich an sein Manuskript. Es ist 9.09 Uhr in Brüssel – 8.09 Uhr in London, wo die Uhren noch immer anders ticken –, und der britische Premier will sich nicht auf sein Redetalent verlassen. Ein böses Wort über Bundeskanzler Gerhard Schröder, ein falscher Zungenschlag beim Streit ums EU-Budget, und sofort würden sie wieder über ihn herfallen, die alten Europäer auf dem Kontinent und die Europagegner zu Hause auf der Insel.

Also wägt er seine Worte, zügelt sein Temperament. Es sei nicht gut, wenn die Debatte mit „scharfer persönlicher Kritik“ geführt werde – das schade dem „freien Meinungsaustausch“, sagt er gleich zu Beginn. Es sei nicht in Ordnung, dass manche in der EU – Namen wird Blair nicht nennen – mit „Karikaturen“ und „Einschüchterungen“ arbeiteten. Denn es gehe gar nicht um die Wahl zwischen einer bloßen Freihandelszone nach britischem Muster und einem politischen und sozialen Europa, wie Schröder gewarnt hatte. „Es geht um die richtige Politik für die Welt von heute.“ Und dafür wolle er, der „engagierte Europäer“, einstehen.

Beifall brandet auf. Das Klatschen ist so lang und laut, dass es vereinzelte Lacher und Zwischenrufe glatt übertönt. „Ich freue mich über diese Reaktion, das ist gelebte Demokratie“, reagiert Blair erleichtert und zieht seine rote Krawatte zurecht, die über einem strahlend weißen Hemd glänzt. Offenbar hatte er mit härteren Reaktionen, mit lauteren Protesten gerechnet. Nach dem gescheiterten EU-Gipfel am vergangenen Wochenende hatten ihm viele EU-Politiker, insbesondere der noch amtierende EU-Ratspräsident Jean-Claude Juncker die Schuld für die jüngste EU-Krise gegeben. Von Obstruktion, gar von Verrat war die Rede. Blair habe Frankreich und Europa ein neues Waterloo beschert, klagten selbst gestandene Diplomaten. „Es wurden Dinge gesagt, die ich in elf Jahren als Botschafter in Brüssel nie gehört habe“, gab der niederländische Außenminister, Bernard Bot, erschrocken zu Protokoll.

Nun steht Blair im Parlament, allein unter Löwen – und entspannt sich. Er spürt, dass er diesen tristen Saal mit seinen 732 Abgeordneten, die nahezu vollständig erschienen sind, auf seine Seite ziehen kann. Er merkt, dass das Europaparlament ihm einen „guten Empfang“ bereiten will, wie es sein früherer Vordenker Peter Mandelson formuliert hat. „Die Abgeordneten haben großen Appetit auf eine offene, frische Debatte“, wird Mandelson – seit einigen Monaten EU-Handelskommissar – britischen Reportern in den Block diktieren. Sie wollen keine alten Rechnungen begleichen – etwa zum Euro, dessen Einführung in Großbritannien die Regierung Blair entgegen anders lautenden Ankündigungen auf den Sankt-Nimmerleinstag verschoben hat. Im Gegenteil: Sie wollen in die Zukunft blicken, „britische Leadership“ live erfahren, wieder Mut schöpfen.

Schnell gewinnt Blairs Rede an Fahrt. Hatte man ihm zunächst angemerkt, dass die Wortgefechte der letzten Woche Spuren hinterlassen haben, so geht der Premier dann rasch zum Angriff über. Seine Kritiker wollten sich in eine „Kuschelzone“ der Reformverweigerung zurückziehen, behauptet er. Sie stünden für „Regulierung und Protektionismus auf dem Arbeitsmarkt“, wollten „Globalisierung vermeiden“ und sich „vor Veränderungen wegducken“. Wen er genau meint, sagt Blair nicht. Auf Frankreichs Präsident Jacques Chirac mögen die Attacken ja passen – auf Kanzler Schröder mit seiner Agenda 2010 aber bestimmt nicht, meint hinterher ein deutscher Sozialdemokrat.

Aber denkt Blair überhaupt noch an Schröder? Kümmert er sich noch um Chirac, mit dem ihn eine herzliche Feindschaft, eine vergiftete „Entente cordiale“ verbindet?

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