Toten-Schändung durch deutsche Soldaten
Afghanistan-Kenner fürchten Welle des Zorns

Die Bundeswehr, in Afghanistan bisher hoch angesehen, ist durch die mutmaßliche Totenschändung durch deutsche Soldaten in eine prekäre Lage geraten: Landeskenner fürchten Unruhen und Angriffe auf deutsche Soldaten, da solche Bilder für Muslime kaum zu ertragen seien. Unterdessen hat die Potsdamer Staatsanwaltschaft ein Verfahren eingeleitet.

HB BONN/POTSDAM. Der Afghanistan-Experte des Zentrums, Conrad Schetter, sagte der „Netzeitung“: „Aus historischen Gründen genießen die Deutschen in Afghanistan einen hervorragenden Ruf“. Die Störung der Totenruhe sei in islamischen Augen aber an „Unerträglichkeit kaum zu überbieten“. Er könne sich vorstellen, dass es nach den Freitagsgebeten landesweit zu Demonstrationen kommt. Diese könnten sich auch in Gewaltausbrüchen entladen. Um dies zu verhindern, müsse die Bundeswehr sofort das Gespräch mit islamischen Geistlichen suchen und sich entschuldigen.

Die Afghanistan-Expertin der Stiftung Wissenschaft und Politik, Citha Maaß, sagte der in Halle erscheinenden „Mitteldeutschen Zeitung“: „Es kann zu Vergeltungsschlägen auf deutsche Truppen kommen. Das ist nicht ganz in der Kategorie der Mohammed-Karikaturen. Aber es reicht an die Sache heran.“ Maaß forderte, die Bundesregierung müsse sich so energisch wie möglich von den Vorgängen aus dem Jahr 2003 distanzieren. Sie seien nicht nur für Moslems schwer wiegend. „Das geht gegen jedes menschliche Empfinden.“

„Das kann in Afghanistan katastrophal wirken“

Der frühere Kommandeur der internationalen Afghanistan-Schutztruppe ISAF, Norbert van Heyst, äußerte sich ähnlich wie die Experten. „Das kann in Afghanistan katastrophal wirken“, sagte van Heyst am Mittwoch. Das positive Image, das deutsche Soldaten bisher in der afghanischen Bevölkerung hätten, könne leiden. Der inzwischen pensionierte van Heyst hatte als Drei-Sterne-General der Bundeswehr und Kommandierender des 1. Deutsch- Niederländischen Korps von Februar bis August 2003 das Oberkommando über die internationale ISAF-Truppe in und um Afghanistans Hauptstadt.

US-Justizminister Alberto Gonzales forderte Deutschland auf, die Vorwürfe gegen deutsche Soldaten rasch aufzuklären. „Diese Vorgänge müssen lückenlos untersucht werden“, sagte Gonzales dem Handelsblatt. Der Minister ist jedoch überzeugt, dass es sich bei den Vorgängen um Einzelfälle handelt. Generell könne er sagen, dass 99 Prozent der Soldaten Profis seien.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Störung der Totenruhe

Wegen der Skandalfotos, auf denen Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan mit dem Schädel eines Toten posieren, leitete die Staatsanwaltschaft Potsdam am Mittwoch ein Ermittlungsverfahren ein. „Wir ermitteln gegen Unbekannt wegen Störung der Totenruhe“, sagte Behördensprecher Wilfried Lehmann. Die Potsdamer Behörde habe das Verfahren nach Publikation der Fotos von Amts wegen aufgenommen und sei wegen des Standortes des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr im nahen Geltow zuständig. Von dort aus werden alle deutschen Auslandseinsätze geleitet.

Zuvor hatte der Generalinspekteur der Bundeswehr, Wolfgang Schneiderhahn, bekannt gegeben, dass bislang zwei der mutmaßlich Beteiligten ermittelt worden seien. Einer von ihnen diene noch in der Bundeswehr; er werde vernommen. Der zweite Soldat sei bereits ausgeschieden, deswegen werde gegen ihn die Staatsanwaltschaft ermitteln.

Die Fotos waren der Bild-Zeitung zugespielt worden, die sie am Mittwoch veröffentlichte. Sie stammen nach Zeugenaussagen aus dem Jahr 2003. Der Schädel stammt danach möglicherweise aus einem Massengrab. Auf einem der Fotos wird der Totenschädel auf dem Tarnscheinwerfer eines Kleinpanzers vom Typ „Wiesel“ präsentiert. Ein anderes Bild zeigt einen Mercedes-Geländewagen vom Typ „Wolf“ und einen Bundeswehrsoldaten, der den Schädel an einer Spezialvorrichtung zur Durchtrennung von Stahlseilen aufspießt.

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