Bei den im Jahr 2003 von deutschen Soldaten in Afghanistan geschändeten Leichenteilen handelt es sich möglicherweise um die sterblichen Überreste von russischen Soldaten. Das vermutet zumindest das Verteidigungsministerium nach einer Analyse der Fundstelle. Die mutmaßlichen Totenschänder stammen offenbar aus unterschiedlichen Bundeswehreinheiten in Nord- und Süddeutschland.
HB BERLIN. „Nach unseren bisherigen Ermittlungen handelt es sich um einen Ort, der in der Nähe von Kabul ist, auch nicht weit entfernt von Camp Warehouse“, erklärte ein Sprecher des Ministeriums. Dort befänden sich auch russische Panzerwracks. Ein Zusammenhang zwischen Wracks und Skeletten könne nicht ausgeschlossen werden, sagte der Sprecher. Bislang handele es sich jedoch nur um eine Vermutung.
Der "Bild"-Zeitung liegen indes nach eigenen Angaben "dutzende neuer Bilder" vor, die deutsche ISAF-Soldaten beim makaberen Umgang mit Leichenteilen zeigen. Das Blatt will einige der Fotos morgen veröffentlichen. Darauf soll unter anderem zu sehen sein, wie ein Soldat einem aus verschiedenen menschlichen Knochen zusammengesetzten Skelett wie bei einer Hinrichtung eine Pistole an den Totenschädel halte. Auf einem anderen Foto wurde einem Totenschädel ein Bundeswehr-Barett aufgesetzt. Ein weiteres Bild zeigt den aus Menschenknochen gebildeten Schriftzug "CSR-Team". Die Abkürzung steht für "campside reconnaissance" (Gelände-Aufklärung), die Patrouillen rund um das deutsche Camp.
Ein Soldat habe der Zeitung bestätigt, dass Bundeswehr-Patrouillen regelmäßig an der Fundstelle der Leichenteile vorbeigefahren seien und dort angehalten hätten. Zuvor hatte bereits ein Augenzeuge berichtet, es handele sich nicht um einen Friedhof. Das Gelände "kann man sich vorstellen wie eine große Kiesgrube", sagte der Mann.
In dem am Donnerstag bekannt gewordenen zweiten Fall der mutmaßlichen Totenschändung, der sich 2004 ereignet haben soll, wurden laut Ministerium drei Tatverdächtige ermittelt, einer davon werde bereits vernommen. Regierungssprecher Thomas Steg erklärte, es habe seitens der Bundesregierung keine Einflussnahme auf die Veröffentlichung der Fotos in der „Bild“-Zeitung gegeben. Die Zeitung habe die Bundesregierung am Vortag der Veröffentlichung informiert.
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Die Bundesregierung reagiere in den Fällen mit der gebotenen Sensibilität, sagte Steg. „Wir haben die große Hoffnung, dass verstanden wird, dass der Verteidigungsminister das Verhalten in Afghanistan nicht toleriert.“ Jedes Foto sei eines zu viel, jeder Fall sei einer zu viel. „Ich mag es mir schlichtweg nicht vorstellen, dass mit solchen Bildern Geld verdient wird oder das für solche Bilder Geld bezahlt wird“, sagte Steg.
Verteidigungsminister Franz Josef Jung hat inzwischen als Konsequenz aus den Totenschändungen zwei Bundeswehr-Soldaten vom Dienst suspendiert. Die beiden Männer gehörten zu einer Gruppe von sechs Soldaten, denen die Totenschändungen im Jahr 2003 zur Last gelegt wurden.
Jung bekräftigte, wer sich so verhalte, habe in der Bundeswehr keinen Platz. Der Minister erklärte, er habe Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan beauftragt, Verbesserungsvorschläge für Ausbildung und Dienstaufsicht vorzulegen. Darüber hinaus solle sich der Beauftragte für Erziehung und Ausbildung nach Afghanistan begeben, um über die Motivation und die Disziplin der Soldaten vor Ort zu berichten. Auch in der Frage der Mitwisserschaft werde ermittelt. Dienstvorgesetzte dürften ein solches Fehlverhalten nicht tolerieren, mahnte Jung.
Aus Kreisen des Verteidigungsministeriums hieß es, dass einige Tatverdächtige aus dem Jahr 2003 aus der Kaserne in Mittenwald stammten. Nach ARD-Informationen handelt es sich bei den Soldaten auf den Fotos von 2004 „aller Wahrscheinlichkeit nach“ um Soldaten des Panzergrenadier-Bataillons in Bad Segeberg in Schleswig-Holstein.
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Psychologen sehen die Skandalfotos aus Afghanistan als Folge der besonderen Situation in der Truppe vor Ort. Situationen wie die, in denen die Fotos entstanden, kämen häufig so zu Stande, dass in einer rivalisierenden Männergruppe einer der Soldaten etwas getan habe, und dann die anderen mitgemacht und sich gegenseitig zu übertrumpfen versucht hätten, erklärt Kliche. Dazu komme, dass Streitkräfte eine Sondermoral durchzusetzen hätten: Professionell geforderte Handlungen seien Drohen, Verletzen oder Töten, die normalerweise verpönt seien: „Soldaten werden ausgebildet für Dinge, die man sonst nicht tun darf.“
Das sei sehr belastend für die Soldaten, so dass das Militär sie mit einem ganzen psychosozialen Instrumentarium ausrüste, um die Situation besser verkraften zu können, erklärt der Vorsitzende der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. So könne mit der Befolgung von Befehlen und dem Hinweis „die anderen machen es auch“ Verantwortung abgegeben werden. Dies könne so weit gehen, dass der Soldat sein Gewissen einfach ausschalten könne, wenn es die Situation erfordere. „Mit dieser Dynamik lassen sich beispielsweise Massaker erklären“, sagt der Psychologe - aber auch Bilder wie die der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan. Allerdings gebe es solche Mechanismen auch in manchen anderen Organisationen.
Alle diese Verhaltensweisen hätten sehr viel mit dem Entwurf von „Männlichkeit“ in unserer Gesellschaft zu tun, erklärt Kliche. Konstituierend für eine herkömmliche männliche Identität seien Merkmale wie Dominanz, das Herstellen von Überlegenheit, das Einsetzen von Machtmitteln, Instrumentalisierung anderer Menschen und die Kontrolle über den sozialen Nahraum. „Echte Männer“ sprechen auch nicht über die Dinge, die sie beschäftigen und mit denen sie zurechtkommen müssen, wie Kliche erklärt. „Das alles hat auch zu tun mit der Verachtung von Einfühlung und von Grenzen, von Würde und Pietät“ - wie beim Posieren mit Totenschädeln.
Diese Dynamik lässt sich laut Kliche aufbrechen, wenn mehr Frauen in der Armee sind. Frauen seien nicht prinzipiell die besseren Menschen, wie die Folterfotos aus Abu Ghraib gezeigt hätten, an denen auch Frauen beteiligt waren. „Aber ich denke, dass der Einsatz von Frauen die Organisationskultur verdienstvoll in Bewegung setzt.“ Frauen sprächen mehr über das Geschehen, Regeln müssten besser ausgehandelt werden. Und wenn Frauen in Afghanistan dabei gewesen wären, wären nach Meinung des Psychologen die sexuellen Anspielungen auf den Fotos unterblieben - schon allein aus Scham.

