Tränengas und Plastikgeschosse
Türkische Polizei geht hart gegen Demonstranten vor

Bei regierungskritischen Protesten in der Türkei ist ein 22-Jähriger ums Leben gekommen. Das führte zu weiteren Demonstrationen - mit so viel Tränengas in der Luft, dass ein Fußballspiel abgesagt werden musste.
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IstanbulNach dem Tod eines Demonstranten in der Südtürkei ist es bei regierungskritischen Protesten in der Millionenmetropole Istanbul erneut zu schweren Zusammenstößen gekommen. In Istanbul versammelten sich nach Angaben eines Fotografen der Nachrichtenagentur AFP rund um den Taksim-Platz bis zu 3000 Menschen, die von der Polizei mit Tränengas und Gummigeschossen daran gehindert wurden, den Platz zu betreten.

Auf der zentralen Einkaufsmeile Istiklal Caddesi ging die Polizei am Dienstagabend mit großer Härte gegen Hunderte zumeist friedliche Demonstranten vor. Die Sicherheitskräfte setzten Tränengas und Wasserwerfer ein, wie Augenzeugen berichteten.

Polizisten schossen außerdem mit Plastikgeschossen auf Demonstranten und unbeteiligte Umstehende. Aus den Reihen der Protestbewegung wurden Feuerwerkskörper und bengalische Feuer gezündet. Bereitschaftspolizisten verfolgten fliehende Demonstranten in Seitenstraßen. Krankenwagen waren im Einsatz. Wegen des Tränengases in der Luft musste auch ein U-21-Fußballspiel der Türkei gegen Schweden abgesagt werden.

In der Nacht zu Dienstag war bei regierungskritischen Protesten in der Stadt Antakya ein 22-Jähriger ums Leben gekommen. Der Demonstrant wurde nach Darstellung von Verwandten von einem Tränengasgeschoss der Polizei am Kopf getroffen, wie türkische Medien berichteten. Am Dienstag gab es daraufhin neue Proteste und Ausschreitungen. Nach seinem Tod war über soziale Netzwerke zu Demonstrationen in Istanbul, Antakya und anderen türkischen Städten aufgerufen worden.

Die Polizei bestritt am Dienstag aber diese Berichte. Laut Behördenvertretern stürzte er von einem Dach in den Tod, von dem er Steine auf Polizisten geworfen haben soll. Die Nachrichtenagentur Dogan berichtete, die vorläufige Autopsie habe ein "generelles Trauma" und "Hirnblutungen" als Todesursachen ergeben.

Bei dem Protestmarsch in Antakya am Montagabend war an einen zuvor in derselben Stadt getöteten Demonstranten erinnert worden. Insgesamt kamen bei den seit Ende Mai andauernden Protesten in der Türkei bislang fünf Demonstranten und ein Polizist ums Leben.

Die Proteste gegen die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan haben zwar nachgelassen, flammen aber sporadisch wieder auf. In Istanbul war es bereits am Montag bei einem Protestmarsch gegen Polizeigewalt zu Zusammenstößen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten gekommen. Die Demonstranten forderten die Bestrafung von Polizisten, die für die schwere Verletzung eines 14-Jährigen verantwortlich sind.

Der Jugendliche liegt seit Juni im Koma, nachdem er von einer Tränengasgranate der Polizei am Kopf getroffen worden war. Menschenrechtsgruppen haben der türkischen Polizei wiederholt vorgeworfen, mit Tränengasgewehren gezielt auf Menschen zu schießen.

Die landesweiten Proteste hatten sich Ende Mai an Plänen der Regierung entzündet, den Gezi-Park am zentralen Taksim-Platz in Istanbul zu bebauen. Inzwischen richten sie sich aber vor allem gegen den autoritären Regierungsstil Erdogans.

dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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  • Die Steinzeittürken in Deutschland sollten sich überlegen ob sie nicht wieder in die Türkei wechseln, um ihren geliebten Führer
    Erdogan zu unterstützen. Auch wenn in Deutschland der Weg in den Burkinistaat mit einem Burkinikanzler Steinbrück möglich ist, stellt sich die Frage ob sich Steinbrück wirklich durchsetzen kann, Mädchen und Jungen beim Schwimmunterricht zu trennen wie er meinte.

    Selbst wenn Claudia Roth den Bosburus im Burkini durchschwimmt um den modernen aufgeschlossenen Türken zu zeigen, wie Ethisch der Fummel aussieht, die Türkei wird sich wandeln. Daher an alle Millionen Türken, packt die Koffer. Ihr werdet Deutschland nicht vermissen, viele Deutsche folgen euch im Urlaub vor Sehnsucht.

  • Ich frage mich wie Deutschland mit gewaltbereiten linksextremisten umgehen würde , die unangemeldet Demos veranstalten und mit Molotowcocktails ausgestattet sind, die sie sogar gegen Busse und Zivile benutzen. Ich bin kein Erdogan fan , aber diese einseitigen Berichterstattungen der deutschen Medien finde ich nicht mehr Normal!!!! Der Türkei geht es wirtschaftlich gut wie nie zuvor, und genau das stört einige westlich Länder. Traurig

  • @Heinz

    Selbstverständlich ist (Moslem)Bruder Erdogan ein lupenreiner Demokrat. Laut Aussage unserer Politiker (und zwar nicht NUR der Grünen, auch von der ebenfalls US-gesteuerten Union) ist seine Partei so etwas wie die islamische Version der deutschen Christdemokraten.

    Woraus man nur schließen kann, daß entweder unsere Politiker Vollidioten sind oder daß sie glauben, wir wären es.

    Am 22.September ist Gelegenheit sie für diese und andere Dummheiten zu bestrafen. Wählt die Blockparteien ab!

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