„Transatlantic Trends“
Obama reitet nur in Europa auf Sympathiewelle

In Europa ist die Begeisterung für Barack Obama auch nach gut einem halben Jahr Amtszeit noch ungebrochen. In den USA dagegen muss der amerikanische Präsident um den Erhalt seiner Popularität regelrecht kämpfen.

WASHINGTON. Mit einer Rede im Kongress zur Gesundheitsreform am Mittwochabend will Obama sein vielleicht wichtigstes innenpolitisches Projekt retten – und damit auch seine Umfragewerte wieder aufzubessern. Denn die hatten in den letzten Wochen einen Absturz erlebt. Mit glänzenden Werten ins Amt gestartet hatten die Meinungsforscher von Gallup Obama Anfang des Monats bei unter 50 Prozent Zustimmung gesehen. Nur zwei Präsidenten vor ihm – Bill Clinton und Gerald Ford – mussten bislang einen ähnlich starken und schnellen Abschwung erfahren.

In Europa indes reitet der US-Präsident noch immer auf einer enormen Sympathiewelle. Nach einer Umfrage des German Marshall Fund of the United States (GMF) jubeln in Deutschland 80 Prozent der Menschen Obama zu, gefolgt von Frankreich (77), Portugal (70) und Italien (64). Selbst in der Türkei ist mit 50 Prozent die Zustimmung für den US-Präsidenten in die Höhe geschnellt, nachdem Bush in 2008 lediglich von acht Prozent der Türken positiv beurteilt wurde. „Das ist eine ganz beachtliche Verschiebung, die enorme Möglichkeiten der Kooperation eröffnet“, sagte Craig Kennedy, Präsident des GMF, der die alljährliche Studie „Transatlantic Trends“ in Auftrag gab. Befragen ließ der Thinktank im Juni jeweils rund 1000 Bürger in 12 europäischen Staaten.

Allerdings: Einheitlich rosafarben ist die Beurteilung von Obama in Europa nicht. So zeigen sich Mittel- und Osteuropäer deutlich reservierter bei der Bewertung des 48-Jährigen. So sehen zwar 86 Prozent der Westeuropäer die Politik, die der neue US-Präsident verfolgt, in einem positiven Licht. In Osteuropa tun dies jedoch nur 60 Prozent. In abgeschwächter Form hat sich damit die Sichtweise auf die USA in Europa umgekehrt. In 2008, während der Präsidentschaft von George W. Bush, waren es noch die Osteuropäer, die dem US-Präsidenten zumindest etwas bessere Noten gaben als die Westeuropäer.

Die Mittel- und Osteuropäer sind es auch, die nicht daran glauben, dass alleine durch die Popularität des neuen Chefs im Weißen Haus die Probleme im transatlantischen Verhältnis verschwinden. Lediglich 25 Prozent dort sind der Überzeugung, dass sich die Beziehungen zwischen Europa und den USA grundsätzlich verbessert haben – während dies 43 Prozent im Westen annehmen. Es sind auch weniger Osteuropäer, die die Nato für unerlässlich halten. Dennoch befürworten sie eine stärkere Verzahnung zwischen Europa und den USA in Fragen der Sicherheits- und Wirtschaftspolitik.

Weiterhin unterschiedlich sind die Ansichten diesseits und jenseits des Atlantiks bei bestimmten außenpolitischen Fragen. So sind die Europäer insgesamt viel skeptischer, was den Krieg in Afghanistan betrifft. 63 Prozent der Europäer glauben nicht daran, dass sich die Lage am Hindukusch stabilisieren lässt – während 56 Prozent der Amerikaner optimistisch sind. Folgerichtig wünscht sich eine Mehrheit der befragten Europäer – 55 Prozent im Westen und 69 Prozent im Osten – einen schnellen Abzug ihrer Truppen.

Ein Graben zeigt sich auch bei der Frage des Umgangs mit Iran. Selbst wenn sich mit diplomatischem Druck Teheran nicht davon abhalten lassen würde, Atomwaffen zu besitzen, würden die Europäer keine militärische Gewalt gegen Iran anwenden wollen. Amerikaner hingegen wollen sich die Option, auch gewaltsam vorzugehen, ausdrücklich offen halten. Gleichwohl sind in dieser Frage die Amerikaner durchaus nicht einig. Republikaner, Demokraten und Unabhängige haben hier zum Teil völlig unterschiedliche Ansichten.

Unstrittig ist zwischen Amerikanern und Europäern, dass die Lösung der globalen Wirtschaftsfragen absolute Priorität genießen sollte. Allerdings wird unterschiedlich darauf reagiert, wie sehr dabei auf Protektionismus gesetzt werden darf. Während 70 Prozent der befragten Amerikaner die „Buy America“-Klausel, die im US-Konjunkturprogramm enthalten ist, befürworten, würden etwa in Frankreich nur 54 Prozent eine ähnliche „Buy French“-Klausel begrüßen. Allerdings ist bei diesem Thema das Bild in Europa ganz und gar nicht einheitlich. So könnten sich 80 Prozent der Osteuropäer durchaus Regelungen vorstellen, bei denen heimische Produkte bevorzugt gekauft werden, wenn die Steuerzahler schon das Geld bereitstellen.

Markus Ziener ist Korrespondent in Washington.
Markus Ziener
Handelsblatt / Korrespondent
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