Trichet tadelt Direktoriumsmitglied
EZB-Chef baut seine Machtposition aus

Der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, hat seine Machtposition nach innen und außen weiter ausgebaut. Jetzt hat er sich auch zum alleinigen Sprecher der EZB in allen wirtschaftspolitischen Grundsatzfragen erklärt.

mak FRANKFURT. „Wenn es um die Position der EZB geht, und wenn es zur Position der EZB irgendwelche Zweifel gibt“, sei nur eine Stimme maßgeblich: die des Präsidenten, sagte der EZB-Chef auf der Pressekonferenz am vergangenen Donnerstag. Anfang Dezember hatte er bereits klargestellt, dass sich die Finanzmärkte in geldpolitischen Fragen an ihm orientieren sollten und nicht an den übrigen Mitgliedern des EZB-Rats.

Trichet reagierte auf eine Frage zu einem Interview, dass Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi der Zeitung „Die Zeit“ gegeben hatte. Entgegen der Praxis der EZB, sich zu einzelnen Euro-Ländern nicht zu äußern, empfiehlt Bini Smaghi darin Deutschland – einem Land mit fünf Millionen Arbeitslosen – Lohnsteigerungen im Einklang mit dem Produktivitätswachstum. Diese ökonomische Formel stammt aus den sechziger Jahren; sie wirkt bei Vollbeschäftigung beschäftigungsneutral. Ökonomen befürchten weithin, dass sie bei Unterbeschäftigung zu Arbeitslosigkeit führt. Bini Smaghi hat sich mit seiner Lohnempfehlung in krassen Gegensatz zur Position der EZB und ihres Präsidenten gestellt, die die Tarifpartner seit Jahren zu Lohnzurückhaltung ermahnen.

Trichet distanzierte sich unmissverständlich von seinem Direktoriumskollegen. „Herr Bini Smaghi spricht nicht im Namen des EZB-Rats. Er spricht nicht im Namen des Direktoriums. Er hat seine persönliche Meinung geäußert“, erklärte der EZB-Präsident.

Für Bini Smaghi ist dies nicht schmeichelhaft. Allerdings habe die Zurechtweisung durch den Präsidenten an den Finanzmärkten nur einen Eindruck abgerundet, den Bini Smaghi bereits in den Monaten zuvor erweckt habe, heißt es. Er habe die Märkte mehrfach in Wechselbäder gestürzt. In London wird er als „loose cannon“ bezeichnet, also als jemand, der sich nicht an das Gesamtkommando hält und aus der Reihe tanzt. „Nach einigen missverständlichen Äußerungen von Bini Smaghi betrachten die Finanzmärkte seine Kommentare mit größter Vorsicht“, sagte Thomas Mayer, Chefvolkswirt Europa der Deutschen Bank.

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