Trostloses Irland
Musterknabe auf Abwegen

Irland gilt den Euro-Krisenstaaten als Vorbild. Doch auf der Insel ist längst nicht alles im grünen Bereich. Das Haushaltsdefizit erfüllt erst 2015 die Maastricht-Kriterien. Und die Konjunktur leidet unter dem Sparzwang.
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DublinDie modernen Ruinen des plötzlich zerstobenen Booms sind in Dublin gleich hinter dem imposanten neuen International Financial Services Center zu besichtigen: Wie so manche irische Ghosttowns, die in den Jahren des Aufstiegs zum „keltischen Tiger“ hochgezogen, dann aber seit dem Platzen der Immobilienblase nie bezogen wurden - reckt sich der Leerstand hinter futuristischen Fassaden aus Beton und viel grünem Glas in die dichten Regenwolken. Die beiden geplanten Läden sind mit weißen Holzverschlägen vernagelt und mit „To let“-Maklerschildern zur Vermietung feilgeboten.

Doch wer sollte dort jemals einkaufen? Die Banker shoppen nicht einmal im CHQ-Building direkt vor den Türmen des neuen Finanzzentrums, einer alten Verladehalle am George's Dock, die zur hippen Mall umgebaut wurde. Und von der nahe gelegenen Sheriff Street sind auch kaum Kunden zu erwarten: Hier sonnen die in der Krise arbeitslos gewordenen Bauarbeiter vor zweistöckigen Reihenhäusern ihre imposanten Tattoos auf den Oberarmen. Kinder schlecken Eis, Hausfrauen keifen sich über die Zäune der handtuchgroßen Gärten an. Und der Chef eines leerstehenden China-Restaurants schreit dem Reporter hinterher, der die Brache fotografiert: „Sie sind doch nicht etwa von der Steuerbehörde?“

Trostloses Irland: Im Sog billiger Kredite in der neuen Euro-Einheitswährung und durch Jobs bei den mit einer Körperschaftsteuer von nur 12,5 Prozent angelockten ausländischen Großkonzernen ist der „keltische Tiger“ hoch gesprungen - und 2010 als Bettvorleger unter dem Euro-Rettungsschirm gelandet. Hoffnungsvolles Irland: Inzwischen ist auf den Straßen ein wahrer Babyboom zu sehen.

Stolze Mütter schieben zumeist gleich Zwei-Sitzer-Kinderwagen durch die Stadt. Sparprogramme wurden bisher stoisch ertragen und die neoliberale Langzeit-Regierungspartei Fianna Fáil Anfang 2011 mit einer Erdrutsch-Niederlage in die Opposition geschickt. Lange Schlangen stehen vor dem Kassenhäuschen für ein neues Puppentheaterstück „Anglo - The Musical“: Zu heißer Musik tanzen hier die Puppen von zwei Ex-Premiers und des Chefs der inzwischen in Abwicklung befindlichen Skandalbank Anglo Irish Bank. Auch Angela Merkel erhebt ihre mahnende Stimme.

Die Iren tragen ihr Schicksal mit schwarzem Humor. „Noch“, wie Beobachter vor den neuen Kürzungsrunden im nächsten Sparhaushalt sorgenvoll hinzufügen. Denn noch sei Irland der Musterknabe unter den kriselnden Euro-Staaten. Der „Posterboy der Reformen“, wie sie hier sagen. Denn seit dem Bail-out, der Zusage der EU und des IWF über 67,5 Milliarden Euro Hilfskredite 2010, hat sich Irland erheblich erholt: War das reale Bruttoinlandsprodukt zwischen Platzen der Banken- und Immobilienblase 2007 und 2010 um 8,2 Prozent gefallen, so „läuft Irlands Wirtschaft heute besser als allgemein bekannt und besser als ihr Ruf ist“, unterstreicht Ralf Lissek, Chef der Deutsch-irischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Dublin.

Kommentare zu " Trostloses Irland: Musterknabe auf Abwegen"

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  • Es gibt noch sehr viel zu tun und Geld gibt es wohl in Irland auch noch, machen Sie sich doch bitte nichts vor. Hauspreise sind im Vergleich zu Deutschland immer noch astronomisch. Lehrer und Beamte sind laut aktueller OECD Studie die am bestverdienenden ihrer Zunft weltweit. Ärzte machen mal eben €250,000 auf staatskosten im Jahr.

    Irland brauchte ja auch keine Hilfe beim Geldausgeben. Niemand hat die Iren gebeten ihre Banken mit einem Blankoscheck zu garantieren und die europäischen Partner ein Fait accompli zu präsentieren. Und dann auch noch die Promissory Notes der Anglo Irish Bank ausgeben und das nach der Verstaatlichung der Bank. Das war der erste unverzeihliche Fall von Staatsfinanziereung durch die Hintertür der EZB. Irland hat nicht nur seine eigene Zukunft verzockt sondern auch maßgeblich am Untergang des Euro mitgewirkt.

    Es ist wohl kein Zufall das das Handelsblatt gerade jetzt einen Artikel platziert also zum Zeitpunkt an dem Irland gerne alle seine Promissory Schulden Schulden erlassen bekommen möchte auf Kosten des deutschen Steuerzahlers.

    Und die Fianna Fáil Politiker und Banker spielen fröhlich weiter Golf und lachen sich ins Fäustchen.

    Nicht ein Verantwortlicher wurde bisher zur Rechenschaft gezogen, ganz im Gegenteil massive Abfindungen wurden ausgezahlt aus öffentlichen Töpfen.

    Wir sollten auch nicht so schnell die €200 Milliarden vergessen die dem deutschen Steuerzahler von Bruckermann & Co mit seiner Drecksbank Depfa in Irland aufgebürdet wurden dank fehlender Bankenregulierung in Irland.

    Bluten sehe ich bisher hauptsächlich Deutschland, die Staatsverschuldung von Deutschland ist mal eben von 2008 auf 2010 um 25% oder um €500 Milliarden gestiegen. Und das nicht zuletzt um EU Rettungspakete zu finanzieren.

    Es wäre sehr hilfreich wenn die PIIGS mal zur Abwechselung ihre Schulden begleichen würden statt immer wieder um Vergebung zu bitten bevor die Tinte unter dem letzten Vertrag trocken ist.









  • Regelungen für die Banken nahezu null. Alles Scheingefechte. Die Größenordnung für Spekulativ angelegt Gelder der Banken ist heute deutlich größer als vor der Lehmann-Pleite.

    Unabhängig davon, das Ende des €uros in der heutigen Form ist unaufhaltsam. Nicht ob sondern wann. Die Länder Europas hat völlig verschiedene Probleme. Irland hohe Bankenschulden. Spanien Bankenschulden Immobilienblase. Italien/Spanien zu schwache Wirtschaftsdaten extreme Arbeitslosigkeit. Frankreich Bankenschulden und wirtchaftliche Probleme. Griechenland hat ein strukturelles staatliches Problem. Nahezu keine wirtschaftliche Aktivitäten, Steuerhinterziehung,Korruption und Fakelaki.
    Die wirtschaftlichen Kennzahlen der gesamten Süd und Ostgebiete sind weit schlechter als die Regierungen uns weismachen wollen.
    Der Rest wird jetzt noch durch die rigiden Sparmassnahmen an falscher Stelle abgewürgt.
    Die einzigen großen und schmerzhaften Reformen hatte bisher der dt. Michel. Demnächst Rente ab 70, Vermögenssteuer ab 65000€, Zwangsabgabe Immobilien usw.

    Entscheidend ist wie lange der dt. Michel sich noch ruhig verhält. Sobald die dt. im Großen Umfang vor den Bank-Schaltern stehen ist der Spuk innerhalb weniger Wochen vorbei. "Mutti" wirds schon richten zieht nicht ewig.

  • Irland sollte schnellstmöglichst aus dem Euro austreten und sich auf die eigenen Kräfte konzentrieren.
    Es macht sich Hoffnung breit, Erdöl vor Cork und Edelmetallfunde im Südosten der Insel könnten den völligen Absturz verhindern.

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