Trotz Brexit
Großbritannien wirbt für sich

Mit einer internationalen Werbekampagne will sich Großbritannien als wirtschaftsfreundliches Land präsentieren. Doch viele Unternehmen sind angesichts des EU-Ausstiegs verunsichert und überlegen sich Alternativen.
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London„Lernen Sie die britischen Köpfe kennen, die Leben verändern“, prangt in großen Lettern auf einem Foto, das zeigt, wie sich eine attraktive Frau mit einer bionischen Hand die Wimpern tuscht. Die Handprothese sei nur „ein Beispiel der Innovationen, die 5,5 Millionen britische Unternehmen Ihrer Firma bieten können. Finden Sie Ihren idealen Geschäftspartner unter great.gov.uk“, heißt es weiter. Mit solchen Anzeigen macht die britische Regierung derzeit Werbung im Ausland für Investitionen in Großbritannien. Wir sind trotz Brexit ein unternehmerfreundliches Land, bitte lasst uns nicht im Stich, lautet die Botschaft, die mit Hilfe zahlreicher Anzeigen in Zeitungen und Werbung auf Plakatwänden vermittelt werden soll.

Mit aller Macht versucht die Regierung den Eindruck zu erwecken, dass Großbritannien auch nach dem Brexit-Votum noch ein attraktiver Wirtschaftsstandort ist. Nach dem Austritt aus der Europäischen Union (EU), fürchten viele Unternehmen, werden höhere Zölle und Steuern auf Importe und Exporte anfallen. Zudem rechnen viele mit aufwendigerer Bürokratie, welche auch die Einstellung neuer Mitarbeiter aus dem Ausland erschweren könnte. Ob es so kommt, ist unklar – doch die Unsicherheit unter den Unternehmen steigt.

Angesichts des Brexits plant jedes siebte in Großbritannien aktive Unternehmen, Geschäftsbereiche aus dem Land abzuziehen, wie ein Umfrage der Beratungsgesellschaft EY kürzlich herausstellte. „Es zeigt sich, dass der anstehende Brexit für große Unsicherheit bei der Wirtschaft in Großbritannien sorgt“, bestätigt Hubert Barth von EY. „Der sichere Zugang zum europäischen Binnenmarkt ist und bleibt ein wichtiger Wettbewerbsvorteil“. Fällt dieser weg – wie es bei einem Austritt aus der Europäischen Union und dem Europäischen Binnenmarkt zu erwarten ist – verliert das Land an Attraktivität.

Das gibt vielen Unternehmen zu denken. Auch Firmen aus der britischen Videospielbranche, die von Politikern gern als Zukunftsbranche gepriesen wird: Einer aktuellen Umfrage zufolge gaben 37 Prozent der befragen Unternehmen an, dass es ihnen nach dem EU-Referendum schwerer fiel, Investoren an Bord zu holen – und 40 Prozent erwägen deswegen einen Abzug von der Insel. Auch der Automobilkonzern BMW hat bereits erklärt, dass es für ihn nicht ausgemachte Sache sei, wo der Elektro-Mini gebaut werden soll: ob in dem Mini-Werk in Oxford, oder in einem anderem BMW-Werk auf dem Kontinent.

Andere Unternehmen wie etwa der Staubsaugerkonzern Dyson sind zuversichtlicher. Im Interview mit dem Handelsblatt bekräftigte Firmengründer James Dyson kürzlich, dass sein Unternehmen nicht von der Insel abwandern werde, im Gegenteil: Man investiert kräftig. Wer Recht behalten wird, ist nicht klar.

Aber es ist kein Wunder, dass Großbritannien mit einer massiven Werbekampagne aufwartet. In den kommenden Wochen und Monaten sollen Anzeigen auf Bahnhöfen, auf Flughäfen und in Zeitungen auf innovative Unternehmen aus Großbritannien aufmerksam machen. Die Kampagne läuft in Deutschland und anderen europäischen Ländern sowie in China, den USA und Japan. Im Fokus der Aktion stehen die Automobil-, Finanz- und der Technologiebranche, der Energiesektor, der Bereich Lifescience und die Kreativbranche. „Großbritannien wird versuchen, seine Attraktivität für ausländische Investoren hervorzuheben. Das ist völlig legitim“, findet EY-Experte Barth. Ob es wirkt, ist eine andere Frage.

Korrespondentin des Handelsblatts.
Kerstin Leitel
Handelsblatt / Korrespondentin

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