Trotz Griechenland-Krise
Gabriel reist nach China

China ist Deutschlands drittwichtigster Handelspartner – wohl auch deshalb reist Wirtschaftsminister Gabriel in diesen Tagen nicht nach Griechenland, sondern Fernost. Doch die Krise bleibt auch hier nicht außen vor.
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BerlinBundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will trotz der Griechenland-Turbulenzen am Montag auf große Reise gehen. Allerdings – die Irrungen und Wirrungen um das südeuropäische Sorgenkind der Euro-Zone haben den Vizekanzler und SPD-Chef dazu veranlasst, seine Reisepläne kräftig zusammenzustreichen. Den ursprünglich geplanten ersten Stopp im zentralasiatischen Kasachstan lässt er nun ganz aus und fliegt direkt nach Peking. Und nicht erst am kommenden Freitag, sondern schon zwei Tage früher will er wieder zurück nach Berlin reisen. Dort könnte Mitte der Woche die Bundestagsentscheidung anstehen, ob die Euro-Partner mit Griechenland in konkrete Verhandlungen über ein neues Multimilliarden-Hilfsprogramm einsteigen sollen.

Ein ruhiges Ziel gemessen an all den Nervositäten um Griechenland hat sich Gabriel mit China nicht ausgesucht. Gerade erst hat ein Börsencrash mit Kursrückgängen um fast ein Drittel innerhalb von drei Wochen die Finanzmärkte und viele in der Volksrepublik aktive deutsche Unternehmen verunsichert. Abseits dessen wachsen seit längerem die Zweifel an der Solidität der bisherigen weltwirtschaftlichen Wachstumslokomotive Nummer eins, die im Tempo zuletzt deutlich nachgelassen hat. Und nach wie vor begibt sich jeder Besucher auf ein Minenfeld, wenn er sich auch um Menschenrechts- und Demokratiemängel kümmert. Das erfuhr Gabriel bei seinem letzten Besuch im April 2014. Ein Treffen mit chinesischen Regierungskritikern, die ihm ihre Sicht der Dinge schildern wollten, kam nicht wie geplant zustande, was Gabriel seinerzeit erheblich irritierte.

Wirtschaftlich bleibt China abseits all dessen für die deutsche Wirtschaft ein Gigant. Mit einem Warenaustausch von 154 Milliarden Euro war die Volksrepublik im vergangenen Jahr Deutschlands drittwichtigster Handelspartner – hinter Frankreich und den Niederlanden. Bei den Einfuhren rangierte das Land gar auf Rang zwei – nur übertroffen von den Niederlanden – bei den Exporten auf Rang vier. Dabei standen sowohl hinter den Im-, wie auch den Exporten deutliche Pluszeichen, was das Gewicht der chinesischen Partner für die deutschen Unternehmen noch erhöht. Denn die haben andernorts momentan mit vielen Erschwernissen zu kämpfen, wie Geschäftseinbrüchen durch die Russland-Sanktionen.

Wie stark der Einfluss des asiatischen Goliaths auf die deutsche Wirtschaft ist, zeigt die jüngste Entwicklung. Die drastischen Kursverluste an der Börse in Shanghai lösten bei den sonst so selbstbewussten deutschen Autobauern Nervosität aus. Es geht schließlich um den weltgrößten Automarkt. Wegen der Kursverluste droht vielen Privatanlegern in China das Geld knapp zu werden, um sich weiter schicke und teure Importlimousinen aus Deutschland kaufen zu können. Das kann BMW, Mercedes-Benz, Audi und Volkswagen nicht egal sein und ruft daher Sorgenfalten hervor.

Zudem könnte Gabriel auch in Peking die Griechenland-Krise einholen. Schließlich sind die Chinesen mit ihren exorbitanten Devisenreserven einer der Investoren, die fleißig Anleihen der Euro-Rettungsfonds gekauft haben und kaufen. Damit halfen und helfen sie finanziell bei der Rettung von Euro-Krisenländern.

Eigentlich wollte Gabriel bei seinem Besuch aber etwas ganz anderes im Vordergrund rücken: Industrie 4.0. Bei der digitalen Vernetzung der Industrie via Internet wollen sich beide Länder technologisch an die Spitze der Entwicklung setzen und damit neue Zukunftschancen sichern. Was liegt da näher, als sich beim Konkurrenten zu informieren und nach Möglichkeiten zu suchen, was man gemeinsam machen kann.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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