Trotz großer Risiken: Israel setzt auf Assads Sturz

Trotz großer Risiken
Israel setzt auf Assads Sturz

Assad stürzen – um jeden Preis? Darüber debattiert die israelische Öffentlichkeit. Ein Kombattant wird dabei von allen gleichermaßen gefürchtet: Die Hisbollah.

JerusalemDie israelischen Geheimdienstchefs sind sich genau wie die politischen Berater im Lande nicht einig, ob ein Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad oder eine Niederlage der Rebellen das kleinere Übel für Israel wäre. Eine Mehrheit der Analysten sieht inzwischen aber größere Vorteile in einem Ende der Regierung Assad, der das Bindeglied zwischen dem Iran und der libanesischen Hisbollah bildet. Und die jüngsten Luftangriffe nahe Damaskus, die nach israelischer Darstellung iranische Waffenlieferungen an die radikale Schiitenmiliz unterbanden, passen in dieses Bild.

„Sollen wir den Teufel mit dem Beelzebub austreiben?”, fragte vergangene Woche die große Tageszeitung „Jediot Ahronot” in einem Leitartikel. Der Zeitungskommentator legte sich nicht fest: „Das mörderische Assad-Regime zu unterstützen, ist undenkbar. Aber den Rebellen zu helfen, könnte zur Errichtung einer Basis des weltweiten Dschihad im Herzen des Nahen Ostens führen, was weder der Westen und noch weniger Israel will.” Auch Mosche Arens, ehemaliger Verteidigungsminister, betrachtet „beide Kampfparteien in Syrien als unsere Feinde, zwischen denen Israel keine Auswahl treffen kann”.

Vertreter des Inlandsgeheimdienstes Schin Beth sehen nach Presseberichten vor allem die Gefahren, die von einem Umsturz im Nachbarland ausgehen, nachdem es an der Waffenstillstandslinie an den israelisch besetzten Golanhöhen laut Arens „40 Jahre lang eine stabile Lage gegeben hatte”. Auch einige Politikberater sehen die Gefahr, dass islamistische Gruppen, die zum Teil dem internationalen Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehen, in Israel einsickern, Raketen über die Grenze schießen oder schlimmstenfalls in den Besitz der Chemiewaffenarsenale der syrischen Armee gelangen könnten.

Jonathan Spyer dagegen, Syrien-Spezialist im Forschungszentrum für Außenpolitik (GLORIA) in Herzlija, vertritt entschieden die Gegenposition: „Die Vorteile eines Abgangs von Assad überwiegen eindeutig die potenziellen Sicherheitsrisiken”, erklärt er. „Das Assad-Regime ist wegen seiner Allianz mit dem Iran ein gefährlicher Faktor”, obwohl eingeräumt werden müsse, dass Assad kein Fanatiker sei und keine extrem islamistischen Gruppen unterstützt habe, wie sie derzeit in Syrien gegen ihn kämpfen. Die Präsenz dieser „bewaffneten Gruppen an der Grenze ist beunruhigend, aber der Sturz Assads würde einen heftigen Rückschlag für die Hisbollah bedeuten. Und das ist die schlagkräftigste aller paramilitärischen Gruppierungen”, führt Spyer weiter aus.

Dass Israel die Hisbollah für den gefährlichsten Kombattanten in der Region hält, haben auch die inzwischen drei Attacken der Luftwaffe deutlich gemacht, mit denen verhindert werden soll, dass die iranfreundliche Miliz in den Besitz von Waffensystemen gelangt, die das Kräftegleichgewicht in der Region verändern. Dazu gehören neben Chemiewaffen und weitreichenden Geschossen auch Boden-Luft-Raketen, die der israelischen Seite die Lufthoheit nehmen würden.

Großangelegte und unangekündigte Manöver in Divisionsstärke im Norden des Landes, zu denen die israelischen Streitkräfte vergangene Woche erstmals seit Jahren mehrere tausend Reservisten einzogen, belegen ebenfalls die Prioritäten. „Wir wollten üben, wie diese Einheiten bei überraschenden Einsätzen geschmeidig und mit taktischem Einfallsreichtum operieren können”, erklärte General Joav Mordechai als Armeesprecher.

Einig sind sich alle Analysten und Kommentatoren darin, dass Israel den Ausgang des syrischen Bürgerkrieges nicht entscheidend beeinflussen kann und sollte. Das Land müsse sich heraushalten, solange die eigene Sicherheit nicht direkt bedroht ist. Laut der „Jediot Ahronot” vom Montag hat das israelische Kabinett „über diplomatische Kanäle” Assad am Sonntag eine Geheimbotschaft zugestellt, in der versichert werde, „dass Israel nicht die Absicht hat, sich in den Bürgerkrieg in Syrien einzumischen”.

afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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