Trotz Kriegsdrohungen
EU-Diplomaten bleiben in Nordkorea

Kim Jong Un schließt den Industriekomplex Kaesong und rät Ausländern, Südkorea zu verlassen. Japan hat auf Kims Säbelrasseln reagiert und seine Raketenabwehr aktiviert. Die EU-Länder lassen sich nicht einschüchtern.
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SeoulNach seinen Kriegsdrohungen hat Nordkorea allen in Südkorea lebenden Ausländern das Verlassen des Landes nahegelegt. „Wir wollen, dass den Ausländern in Südkorea im Falle eines Kriegs nichts passiert“, hieß es am Dienstag in einer Erklärung des Asien-Pazifik-Friedenskomitees in Pjöngjang. Alle ausländischen Organisationen, Unternehmen und Touristen sollten sich über Schutzräume informieren und Pläne zur Abreise zurechtlegen, wurde ein Sprecher des Komitees von den Staatsmedien zitiert.

Bereits vor Tagen hat das nordkoreanische Regime die Diplomaten in Pjöngjang aufgefordert, das Land zu verlassen. Doch die sieben EU-Staaten mit Botschaften in Nordkorea, darunter auch Deutschland, werden ihre Diplomaten nicht aus Nordkorea abziehen. Dies sagte ein EU-Diplomat am Dienstag in Brüssel. Neben Deutschland planten auch Bulgarien, Großbritannien, Polen, Rumänien, Tschechien und Schweden „derzeit keine Evakuierung der Botschaften“. Es gebe keine Anzeichen für erhöhte militärische Aktivität in Pjöngjang.

Allerdings hat Nordkorea am Dienstag seine Ankündigung wahr gemacht und seine rund 53.000 Arbeiter nicht in der gemeinsam mit Südkorea betriebenen Wirtschaftszone Kaesong zur Arbeit erscheinen lassen. Das teilten südkoreanische Manager in Kaesong mit. So ruht die Arbeit dort zum ersten Mal seit die Sonderwirtschaftszone 2004 eingerichtet wurde. Einen entsprechenden Schritt hatte die Führung in Pjöngjang am Vortag angekündigt. Damit ist auch die letzte Verbindung zum Süden vorerst gekappt.

Die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye sagte, sie sei über den Stopp der Produktion in Kaesong „sehr enttäuscht“. In einer Kabinettssitzung warf sie Pjöngjang ein „falsches Verhalten“ vor, mit dem sich die kommunistische Regierung letztlich nur um eine Chance bringe, ausländische Investitionen ins Land zu holen. Einige der in Kaesong verbliebenen mehreren hundert südkoreanischen Manager berichteten, sie wollten vorerst in ihren Fabriken bleiben, um auf deren Maschinen und Geräte aufzupassen. Allerdings würden bereits die Lebensmittel knapp. „Wir bleiben hier, bis uns die Ramen (Nudelsuppe) ausgeht“, sagte einer der Südkoreaner in Kaesong am Dienstagmorgen. Die Einreise nach Kaesong war für Südkoreaner bereits in der vergangenen Woche gesperrt worden. Auch konnten keine Rohstoffe mehr angeliefert werden.

Vertreter von in Kaesong engagierten südkoreanischen Unternehmen riefen Nordkorea in einer Krisensitzung auf, die Wirtschaftszone wieder zu öffnen. Sie hofften, bald eine Delegation nach Kaesong senden zu können. Die eigene Regierung forderten sie auf, eine „wohl überlegte, umarmende Haltung“ einzunehmen und zu helfen, Kaesong wieder zu öffnen. Park wurde allerdings mit den Worten zitiert, sie sei des „endlosen Teufelskreises“ müde, in dem auf feindliches Verhalten mit Kompromissen geantwortet werde, auf das nur noch mehr feindliches Verhalten folge.

Im Industriekomplex Kaesong arbeiteten die rund 53.000 nordkoreanischen Arbeiter für südkoreanische Firmen. Auf dem Gelände innerhalb Nordkoreas befinden sich noch knapp 500 südkoreanische Arbeiter. Nordkorea hatte in der vergangenen Woche damit begonnen, Südkoreaner nicht mehr in das Gebiet einzulassen.

Die Spannungen auf der koreanischen Halbinsel eskalieren seit einem Atomtest Nordkoreas Ende Februar und der Drohung der kommunistischen Führung mit einem Atomschlag gegen die USA. Experten rechnen in Kürze wieder mit einem Atom- oder Raketentest. Die USA haben mit der Verlegung von Kampfflugzeugen und Kriegsschiffen in die Region reagiert.

Und auch Japan hat mittlerweile auf die nordkoreanischen Drohgebärden reagiert. So brachte das japanische Verteidigungsministerium Raketenabwehrvorrichtungen in der Hauptstadt Tokio in Stellung. Eine PAC-3-Abschusseinheit wurde auf dem Gelände des Ministeriums im Stadtteil Ichigaya aufgestellt, wie die japanische Nachrichtenagentur Kyodo meldete. Auch an zwei anderen Orten der Millionen-Metropole sollen PAC-3-Anlagen in Stellung gebracht werden.

Zuvor hatte Verteidigungsminister Itsunori Onodera den Befehl erteilt, nordkoreanische Raketen abzuschießen, sollten diese japanisches Territorium erreichen. Die japanische Marine hat zu diesem Zweck Aegis-Zerstörer ins Japanische Meer entsandt.

Viele Bundesbürger nehmen die Drohungen von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un sehr ernst. Knapp ein Drittel (31 Prozent) glaubt, er werde seine Androhung eines atomaren Erstschlags wahr machen, wie eine Online-Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt. 43 Prozent der Befragten glauben das nicht. Die Hälfte (54 Prozent) hat Angst vor einem möglichen Krieg zwischen Nord- und Südkorea sowie den USA. 40 Prozent geben an, keine Angst davor zu haben. Zwischen Freitag und Montag wurden 1034 Bürger befragt.


Agentur
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Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur
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Associated Press / Nachrichtenagentur

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  • "... -- in dieser Gegend der Welt arbeiten überall Menschen für Hungerlöhne. Aus Sicht der Arbeitnehmer weltweit ist es nur gut, wenn sich diese Ecke der Welt mit ihren extremen Dumpinglöhnen selber lahm legt." Diese Sichtweise kann ich nicht ganz nachvollziehen. Man kann doch nicht den Bruttolohn in Euro umgerechnet als Maßstab für die wahre Kaufkraft = den Lebensstandard nehmen? Was hier nach wenig klingt, ist in Nordkorea, China oder Thailand oft eine Menge Geld, das einem einen recht guten Lebensstandard ermöglicht. Die Arbeitnehmer in Asien sind jeden Falls sehr glücklich über die Arbeitsplätze, die ihnen koreanische und japanische Firmen vor Ort bieten.
    Davon abgesehen, liegt die Kaufkraft der Bürger in immer mehr asiatischen Ländern über dem westeuropäischen Niveau: Singapur, Brunei, Taiwan, Südkorea, Japan. Und andere sind schwer im Kommen!!

  • Ich würde die innenpolitisch motivierte Kraftmeierei des Norddiktators nicht zu Ernst nehmen. Zumindest in Südkorea nimmt das Gepolterei seit langem niemand Ernst. Die Leute dort wissen zu gut, wie arm, schwach und kraftlos der Norden wirklich ist; einschließlich seiner riesigen "Armee". Dasselbe gilt für die zahlreichen Ausländer im Land: über 1 Mio Gastarbeiter, 11 Mio. Touristen p.a. und hunderttausende Englischlehrer, Manager, Studenten aus aller Welt. (Ich war auch einer 5 Jahre lang). Sie/wir erleben alle täglich, dass Südkorea nach wie vor eines der sichersten und komfortabelsten Industrieländer der Welt ist.

  • Es ist sehr traurig, was da abgeht. Da Nordkorea immer mehr provoziert sieht es fast so aus, dass Nordkorea einen Krieg anfangen wird. Jetzt sollen sogar auch noch Ausländer aus Südkorea ausreisen. Sieht wirklich nicht gut aus und dieser Milchbubi macht einem wirklich langsam Angst. Wenn er das wirklich machen will, muss er sehr gestört sein. Aber zu welchem Sinn? Sollte der Krieg da unten wirklich ausbrechen, werden sowieso nur unschuldige Menschen sterben, die nichts dafür können. Ich hoffe, das Nordkorea so klug ist und es sein lässt. Sonst wird es danach kein Nordkorea mehr geben.

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