Trotz Protesten
Neue ägyptische Regierung vereidigt

Auf den Straßen von Kairo liefern sich Militär und Anhänger der Muslimbrüder heiße Gefechte. Trotzdem wurde am Abend die ägyptische Übergangsregierung vereidigt. Ex-Präsident Mursi kündigte Widerstand an.
  • 0

KairoIn Ägypten ist die neue Übergangsregierung ohne Beteiligung der islamischen Wahlsieger ins Amt eingeschworen worden. Der von der Armee unterstützte Übergangspräsident Adli Mansur nahm am Dienstag 33 Ministern den Amtseid ab. Die Kabinettsmitglieder gehören überwiegend dem liberalen Lager an oder wurden als Fachleute in die Regierung berufen. Die Muslimbruderschaft des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi zeigte sich empört und erklärte, keinen der Regierungsvertreter anzuerkennen. Zehntausende Anhänger der Muslimbrüder hatten am Montagabend für die Wiedereinsetzung Mursis demonstriert. Die Proteste mündeten in Straßenschlachten, sieben Menschen wurden in der Nacht zum Dienstag getötet.

Armeechef Abdel Fattah al-Sissi, der Mursi abgesetzt hatte, erhielt am Dienstag eine einflussreichen Posten: Er wurde zum Vertreter von Übergangsministerpräsident Hasem al-Beblawi ernannt. Beblawis Bemühungen, die Muslimbruderschaft in die Regierungsbildung einzubeziehen, waren von den Islamisten zuvor abermals schroff zurückgewiesen worden. "Ohne ein Ende des Militärputsches wird es keine nationale Aussöhnung geben", sagte der ranghohe Muslimbruder Mohammed al-Beltagi.

Im neuen Kabinett sitzt weder ein Vertreter der Muslimbrüder noch der anderen wichtigen Islamisten-Partei, Nur. Die beiden Gruppierungen haben seit dem Volksaufstand von 2011, der den langjährigen Staatschef Husni Mubarak zu Fall brachte, gemeinsam fünf Wahlen gewonnen: zwei Parlamentswahlen, eine Präsidentenwahl sowie zwei Verfassungsreferenden.

Nach der Kabinettsbildung übten die Islamisten harsche Kritik: Weder die Regierung noch der Ministerpräsident oder das Kabinett seien legitimiert, sagte ein Sprecher der Muslimbruderschaft.

In der Nacht zuvor war die Gewalt nach einer Woche relativer Ruhe wieder eskaliert. Bei Straßenschlachten zwischen Anhängern Mursis und dessen Gegnern sowie den Sicherheitskräften wurden sieben Menschen getötet und mehr als 260 verletzt. Rund 400 Personen seien wegen Unruhestiftung festgenommen worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Mena.

Seit dem Sturz Mursis vor zwei Wochen wurden mindestens 92 Menschen getötet. Die Armee hatte den Präsidenten entmachtet, nachdem Millionen Menschen gegen ihn auf die Straßen gegangen waren, weil sie eine schleichende Islamisierung ihres Landes fürchteten. Die Anhänger Mursis fordern seine Wiedereinsetzung und berufen sich dabei auf ihre Siege bei demokratischen Wahlen.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Trotz Protesten: Neue ägyptische Regierung vereidigt"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%