Trotz Terroranschlag
In London sammeln sich Ehrgeizige aus aller Welt

Die Vielvölkerstadt ist Schaltstelle für Ideen aus allen Wirtschaftszweigen: Auch der Terror konnte die Weltoffenheit nicht beschädigen. London will die Hauptstadt des 21. Jahrhunderts sein.

LONDON. Zweimal zeigte London in den letzten Wochen, was seinen Erfolg ausmacht. Erst die Entscheidung über Olympia, die London wohl dem Versprechen verdankte, als Stadt mit 300 Sprachen und einem Küchenangebot aus aller Welt jeden Athleten offen aufzunehmen. Und schon einen Tag nach den Freudenfeiern musste die Stadt beweisen, dass die Weltoffenheit keine Fassade war. "Wir haben uns nicht gegenseitig bekämpft, wie es die Terroristen wollten", sagte Bürgermeister Ken Livingston nach der Schweigeminute für die Terrortoten des 7. Juli. "London ist die Zukunft. Die ganze Welt an einem Ort."

London will die Hauptstadt des 21. Jahrhunderts sein, so wie Paris die Hauptstadt des 19. und New York die des 20. Jahrhunderts war. In einem Europa, dass sich von der Globalisierung am liebsten abschotten würde, ist es die einzige Metropole, die wächst. Schon jetzt größer als Madrid, Rom und Paris zusammengenommen, wird Londons Bevölkerung nach Prognosen der Stadtverwaltung in den nächsten zehn Jahren um 650 000 bis zu einer Million Einwohner wachsen - auf bis zu 8,3 Millionen.

"Die Menschen stimmen mit den Füßen ab", meint Tony Travers von der London School of Economics über das Paradox, dass die Themsemetropole trotz Chaos, hoher Preise und teils mühsamer Lebensbedingungen einen Nettozuwachs von rund 100 000 Menschen im Jahr verbucht. 29 Prozent der Einwohner stammen aus ethnischen Minderheiten, Tendenz steigend. Sie kommen, weil London Arbeiter braucht. Aber sie machen mit ihrem Erfolgswillen die Wirtschaft dynamisch. Mit 3,7 Prozent Wachstum im vierten Quartal 2004 und einer Arbeitslosigkeit von nur 3,3 Prozent (im Mai 2005) ist London eine der stärksten Wachstumsregionen Westeuropas.

"Es ist die einzige Stadt der Welt, wo Spitzenleute Millionengehälter erhalten und illegale Einwanderer morgens ankommen und nachmittags schon einen Job haben können", sagt Travers über diese Stadt der Chancen und Gegensätze. Er glaubt, dass London vor allem von der lockeren Verwaltung profitiert. Trotz der Wiedereinrichtung einer zentralen Stadtverwaltung sind die 32 "Boroughs" immer noch autonom - und machen den Bürgern und Firmen weiterhin nur wenig Vorschriften. Das erleichtere den Erfolg, sagt Travers. Es entstehe ein Klima der Kreativität.

Ein weitere Grundlage für den Erfolg ist die Vernetzung - London ist Schaltstelle für ganz unterschiedliche Wirtschaftsbereiche. Die City (siehe "Treffpunkt der Finanzgemeinde") mit ihrer Konzentration von Banken, Fonds, Versicherungen und Unternehmenszentralen ist nur ein Beispiel. London ist auch weltweites Zentrum des Kunsthandels und der wichtigste Medienstandort nach Hollywood und Bombay. Russische Oligarchen, islamische Radikale, Ölmilliardäre und indische Jungunternehmer - alle haben hier ihren Treffpunkt.

So leben zum Beispiel fast eine halbe Million Inder in London. Ein neuer Bericht aus Ken Livingstons Wirtschaftsabteilung zeigt, dass der Handel Londons mit dem Wachstumsland Indien immer schneller wächst. Von 119 indischen Investitionsprojekten in Europa zwischen 1997 und 2004 gingen laut einer Analyse von Ernst & Young knapp die Hälfte nach London.

Doch während die Privatwirtschaft ständig Erfolge vorweisen kann, fehlt der öffentlichen Hand das Geld. London sei dramatisch unterkapitalisiert, warnt die London School of Economics. Die Stadt führt jährlich bis zu 17 Mrd. Pfund an die Staatskasse ab - obwohl die viktorianische Bausubstanz überall bröckelt. "Ohne eine Infrastruktur für das 21. Jahrhundert ist Londons Wirtschaft in Gefahr", warnt Travers.

Doch immer wieder verwandelte London Krisen durch Experimentierfreude mit der Zukunft in neue Chancen. Erst galt die Bewerbung als aussichtslos, jetzt soll Olympia zum Hebel für Sanierungen in Milliardenhöhe werden. Verkehrschaos und Luftverschmutzung rückte London mit einer radikalen Maut für Fahrten im Stadtgebiet zu Leibe. Doch die Citymaut war nur der Anfang, sagt Ken Livingstone. Er will London nun zur ersten "nachhaltigen Weltstadt" machen.

Kern des neuen Nachhaltigkeitsplans ist eine Agentur für Klimawandel, die in Partnerschaft mit Privatfirmen den Kohlendioxid-Ausstoß verringern soll. Ihr Chef, "Energiekommissar" Allan Jones, hat als Energiemanager der kleinen Stadt Woking südwestlich von London die Kohlendioxid-Emissionen um 77 Prozent unter das Niveau von 1990 gedrückt. Er hat kleine Heizkraftwerke bauen lassen und die Solarenergie gefördert. Jones plant die grüne Revolution in London mit einer Vielfalt dezentraler Lösungen. Das entspricht ganz dem kaleidoskopartigen Charakter der Stadt.

Matthias Thibaut ist Korrespondent in London.
Matthias Thibaut
Handelsblatt / Korrespondent
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