Truppen in der Defensive
Europa sucht Ausweg aus Afghanistan

In Europa bröckelt die Unterstützung für den Nato-Einsatz in Afghanistan. Nach Deutschland und den Niederlanden diskutiert auch Italien über einen vorzeitigen Abzug. Auslöser ist der Tod von sechs italienischen Soldaten nach einem Selbstmordattentat der radikalislamischen Taliban auf einen Militärkonvoi in Kabul.

BRÜSSEL/NEU-DELHI/MAILAND. Ministerpräsident Silvio Berlusconi sprach sich nach dem Vorfall für den Abzug italienischer Soldaten aus, nannte jedoch keinen Termin. Umfragen zeigen, dass die Italiener den Einsatz mit klarer Mehrheit ablehnen. Der "öffentliche Diskurs" zu Afghanistan bewege sich jedoch "in die falsche Richtung", warnte Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen. Auch in Deutschland und den Niederlanden sind die Gegner des Einsatzes in der Mehrheit; in Großbritannien bekommen sie ebenso wachsenden Zulauf. Die Niederlande haben sich bereits auf einen Abzug ihrer Truppen im nächsten Jahr festgelegt, Kanada zieht 2011 ab.

Frankreichs Verteidigungsminister Hervé Morin warnte Italien vor einem übereilten Rückzug. Er verstehe die Trauer und die Wut, sagte Morin, der gerade Afghanistan und die dort stationierten französischen Truppen besucht. Ein überstürzter Abzug würde jedoch den Taliban in die Hände spielen, sagte er. Derzeit brodelt es vor allem innerhalb der Regierungskoalition von Berlusconi. Lega-Nord-Chef Umberto Bossi forderte den kompletten Abzug der italienischen Soldaten bis Weihnachten.

Berlusconi dagegen sprach sich klar gegen einen kompletten Abzug der 2800 italienischen Soldaten aus und wies auf den bereits geplanten Rückzug von 500 Soldaten hin: "Wir haben bereits das mit den Alliierten abgesprochene Projekt, jene Soldaten zurückzuholen, die wir für die Wahlen entsendet haben. Und dann müssen wir eine ?Transition Strategy' festlegen, um der neuen Regierung mehr Verantwortung zu übertragen." In Deutschland versuchte die Terrororganisation El Kaida mit neuen Drohvideos eine Woche vor der Bundestagswahl die Stimmung gegen den Afghanistan-Einsatz anzuheizen. Gestern wurde eine weitere gegen Deutschland gerichtete Videobotschaft im Internet bekannt. Nach Angaben des auf islamistische Webseiten spezialisierten Intelcenters mit Sitz in den USA zeigt sie erneut den aus Bonn stammenden mutmaßlichen El-Kaida-Terroristen Bekkay Harrach. Er hatte bereits am Freitag auf einem anderen Video in deutscher Sprache mit einem "bösen Erwachen" nach der Bundestagswahl gedroht, sollten die deutschen Truppen nicht aus Afghanistan abziehen.

Die Debatte um den deutschen Einsatz war bereits vor zwei Wochen neu aufgeflammt, nachdem ein von der Bundeswehr angeforderter Luftangriff auf zwei gekaperte Tanklastzüge außer rund 60 Talibankämpfern vermutlich auch 30 zivile Todesopfer gefordert hatte. Nach einem Bericht des "Spiegel" soll der kommandierende Oberst Georg Klein dabei schwere Fehler begangen haben. Klein habe den herbeigerufenen US-Bombern die Fragen nach einer unmittelbaren Bedrohung und Feindkontakt bestätigt, obwohl dies nicht zugetroffen habe, schreibt das Magazin. Er hätte deshalb den Angriffsbefehl nicht geben dürfen. Auch habe Klein es abgelehnt, durch demonstrativen Tiefflug die um die Tanklaster versammelten Menschen zu warnen. Die Bundeswehr befürchtete einen Angriff der zum Zeitpunkt des Bombardements im Sand feststeckenden Tanklaster auf ihr Feldlager in Kundus.

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