Truppenabzug aus dem Irak
Im Schatten des Zweifels

Die Öffentlichkeit wartet auf den Bericht von US-General Petraeus zur Lage im Irak. Nach ersten militärischen Erfolgen registrieren die Demokraten einen vorsichtigen Stimmungswechsel der US-Bürger – ein schneller Truppenabzug würde Chaos hinterlassen.

WASHINGTON. Kurz bevor General David Petraeus am Montag seinen mit Spannung erwarteten Bericht über die Lage im Irak vorlegt, kommt Bewegung in die amerikanische Politik. So haben die Demokraten jetzt im Senat signalisiert, womöglich auf ihre Forderung zu verzichten, die ersten US-Soldaten müssten bereits im kommenden Frühjahr aus dem Irak abziehen. Darauf hatten sie vor der Sommerpause gepocht. Bei Abstimmungen erreichten sie jedoch nie die erforderlichen 60 Stimmen, um die von den Republikanern errichtete Abstimmungsblockade (Filibuster) zu überwinden.

Die jüngste Kompromissbereitschaft der Demokraten spiegelt die Unsicherheit bei der Einschätzung der Lage im Irak quer durch die politischen Reihen wider. Die Demokraten spüren den vorsichtigen Stimmungswandel in der amerikanischen Bevölkerung, seitdem es erstmals wieder militärische Erfolgsmeldungen aus dem Irak gibt. Sie fürchten eine Dolchstoßlegende, falls sie jetzt auf dem schnellen Rückzug von Truppenteilen bestehen.

Gleichzeitig wissen die Republikaner, dass sie dem Publikum ein gutes Jahr vor den Präsidentschaftswahlen eine Strategie für den unpopulären Krieg anbieten müssen. Der republikanische Senator John Warner aus Virginia hatte zuletzt sogar einen Teilabzug von 5 000 Soldaten noch vor Weihnachten in die Debatte gebracht. Präsident George W. Bush sprach jetzt bei seinem überraschenden Besuch im Irak ebenfalls von der Möglichkeit einer Truppenverringerung. In amerikanischen Militärkreisen heißt es, ohne längere Dienstzeiten im Irak und eine weitere Mobilisierung der Nationalgarde könne die heutige Zahl von 160 000 im Irak stationierten US-Soldaten auf Dauer sowieso nicht gehalten werden.

Allerdings wäre selbst ein vollständiger Abzug der US-Truppen politisch leichter zu verabschieden als praktisch in die Tat umzusetzen. Denn zu den 160 000 Soldaten kommt noch einmal die gleiche Zahl ziviler „Contractors“, die Sicherheitsdienste leisten oder Militärstützpunkte mit Waren versorgen. Von den Contractors sind zwar mehr als die Hälfte Nicht-Amerikaner. Im Fall des Abzugs aber müssten die USA auch viele von ihnen außer Landes bringen. Darüber hinaus warten etwa 200 000 Tonnen Material und rund 20 000 Militärfahrzeuge sowie Großwaffen auf den Abtransport oder ihre Zerstörung. Militärexperten rechnen deshalb damit, dass ein vollständiger Abzug ein bis zwei Jahre dauern wird.

Nicht nur deshalb ist die Bereitschaft in Washington groß, doch noch an einen Erfolg im Irak zu glauben. Die Hoffnung konzentriert sich dabei auf die frühere Krisenprovinz Anbar, die inzwischen als weitgehend befriedet gilt. Pentagon und Weißes Haus präsentieren die Region westlich von Bagdad gerne als Modell für andere Unruheprovinzen. Unstrittig ist, dass sich die Lage in Anbar deutlich verbessert hat – wobei allerdings oft übersehen wird, welchen Preis die USA dafür zahlen.

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